Der ultimative Guide für Introvertierte und Schüchterne

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KAPITEL 1.7

Persönliche Schwächen von Introvertierten

Neben ihren Stärken haben Introvertierte, genau wie Extrovertierte, auch einige persönliche Schwächen. Um ein echtes Verständnis von uns selbst entwickeln zu können, ist es wichtig, auch diese gut zu kennen. Nur so wissen wir, wie wir mit ihnen umgehen können, damit sie uns nicht negativ beeinflussen.

Natürlich ist es nicht immer zwingend notwendig, an einer Schwäche zu arbeiten. Es kommt ganz darauf an, ob uns diese Schwäche im Alltag tatsächlich blockiert oder nicht. Sollte uns aber etwas daran hindern, ein wichtiges Ziel zu erreichen, macht es Sinn, passende Gegenstrategien zu entwickeln.

7 persönliche Schwächen von Introvertierten

Nr. 1 der persönlichen Schwächen: Schüchternheit

Wie du nun schon weißt, gehören Introversion und Schüchternheit nicht zwingend zusammen. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Introvertierte (mich eingeschlossen) sich auch gleichzeitig ein schüchternes Verhalten antrainiert haben. Dadurch vermeiden wir soziale Situationen, die uns Angst machen, so gut wir können.
Eigentlich hätten wir aber gerne mehr Kontakt zu anderen Menschen und trauen uns nur nicht, auf sie zuzugehen. Die Angst vor dem, was andere von uns denken und vor allem davor, dass sie uns ablehnen könnten, ist riesig. Also halten wir uns lieber im Hintergrund.

Persönliche Schwäche erkennen: Wenn du auf einer Veranstaltung mit vielen fremden Menschen bist und mit jemandem ins Gespräch kommen möchtest, fällt dir das schwer? Wenn dich jemand nach deiner Meinung fragt, hast du Angst vor der Reaktion der anderen? Fühlst du dich generell in sozialen Situationen eher unsicher?

Passendes Gegenmittel: Dein Selbstbewusstsein stärken, passende Strategien aussuchen und neue Erfahrungswerte sammeln. Ja, auch Introvertierte kommen nicht drumherum, aus ihrer Komfortzone herauszugehen. Aber es kommt auf das WIE an: in kleinen Schritten, im eigenen Tempo und mit Techniken, die zu ihrer introvertierten Art passen.

Selbstbewusstsein stärken
Wie du vielleicht weißt, habe ich anfangs einen großen Fehler gemacht, als ich meine Schüchternheit überwinden wollte: Ich habe mir Strategien für Gesprächseinstiege und Smalltalk rausgesucht und dachte, das würde mir helfen. Aber was bringt mir der tollste Gesprächseinstieg, wenn ich im entscheidenden Moment vor lauter Unsicherheit kein Wort herausbringe?
Nach etlichen peinlichen Situationen habe ich dann verstanden, dass ich erst mal aufhören musste, mich schüchtern zu verhalten – sprich: ich musste mich um meine Angst vor Zurückweisung kümmern. Ich brauchte zuerst ein inneres Sicherheitsgefühl, um wirklich entspannt mit anderen Menschen umgehen zu können.

Schritt 1 lautet deshalb: Lerne dich selbst richtig gut kennen (deine introvertierten Eigenschaften, persönliche Schwächen und Stärken, usw.), baue dir ein positives Selbstbild auf und entwickle einen bewussten Umgang mit deinen Gefühlen – so gelangst du Schritt für Schritt zu mehr innerer Stärke. Vieles davon findest du in diesem Guide, einiges im zweiten Teil „Stille zur Stärke machen“.

Passende Strategien aussuchen
Wenn du dir ein starkes Selbstbewusstsein aufgebaut hast, geht es im nächsten Schritt darum, herauszufinden, wie du auf deine Weise besser mit sozialen Situationen umgehen kannst. Ich habe an dieser Stelle eine Menge recherchiert (Bücher, Artikel, Videos) und beobachtet (Gespräche im Alltag), um zu lernen, wie man auf ruhige Art Verbindungen zu anderen Menschen aufbauen kann.

Bei Schritt 2 geht es also um folgende Strategien: Wie komme ich mit anderen ins Gespräch, ohne mich zu verstellen? Wie finde ich Gleichgesinnte und wie kann ich den Kontakt zu anderen Menschen endlich genießen? Wie kann ich Grenzen setzen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben?

Wenn du dabei eine Abkürzung nehmen willst: Meine gesammelten Strategien und Erfahrungen hierzu findest Du in meinem Buch „Besser mit Menschen umgehen“. Sobald du dich dann mit den zu dir passenden Strategien gewappnet hast, bist du bereit für den nächsten Schritt:

Neue Erfahrungswerte sammeln
Schüchternes Verhalten basiert auf der Angst vor Zurückweisung. Und diese Angst ist deshalb so stark, weil sie immer wieder durch negative Erlebnisse bestätigt wurde. Also müssen positive Erfahrungswerte her!
Der dritte und letzte Schritt besteht deshalb aus ganz viel: ausprobieren, hinfallen, wieder aufstehen, reflektieren, anpassen, ausprobieren, usw. Egal ob bei Familie, Freunden, Bekannten oder Unbekannten, im Alltag, auf Seminaren oder im beruflichen Umfeld – du kannst überall „trainieren“.

Es geht dabei nicht darum, sofort alles zu meistern. Wichtig ist nur, dass du merkst: „Hey, mir passiert ja gar nichts Schlimmes!“
Halte bei jedem Erlebnis nach einer positiven Rückmeldung Ausschau (und wenn es „nur“ ein Lächeln ist). Fokussiere dich darauf, was du in der Situation gelernt hast – dann wirst du dich nach und nach immer sicherer fühlen und die Veränderung von schüchtern hin zu selbstsicher bald selbst deutlich merken.

Nr. 2 der persönlichen Schwächen: Kopfzerbrechen

Viele ruhige Menschen sind großartige analytische Denker und spielen gern alle möglichen Szenarien in ihrem Kopf durch. Das bereitet uns auf alle Eventualitäten vor und gibt uns oft sogar Energie. Ich liebe es auch, in meine Gedankenwelten abzutauchen. Allerdings gibt es auch eine große Gefahr dabei: Wir denken zu viel nach – vor allem über die negativen Möglichkeiten.

Persönliche Schwäche erkennen: Grübelst du vor bestimmten Situationen stundenlang darüber, was alles schief gehen könnte? Bringst du dich mit deinen eigenen Gedanken in eine schlechte Stimmung? Stellst du hinterher oft fest, dass du dir umsonst Sorgen gemacht hast – weil deine Befürchtungen gar nicht eingetreten sind?

Passendes Gegenmittel: Mach dir bewusst, dass du nicht kontrollieren kannst, wie andere Menschen reagieren oder wie die Dinge laufen. Was du aber beeinflussen kannst, ist deine Reaktion darauf.

Wenn etwas Wichtiges ansteht, frage dich: Was könnte mich am Erreichen meines Ziels hindern? Im nächsten Schritt erstellst du dir daraus einen Wenn-Dann-Plan. Wenn XY passiert, dann tue ich Z. Mit guter Vorbereitung kannst du dir selbst die Sicherheit geben, die du brauchst. Gleichzeitig sparst du damit auch wertvolle Energie. Denn sobald du einmal die wichtigsten Möglichkeiten durchdacht hast, musst du dich nicht mehr die ganze Zeit verrückt machen – und kannst deine Energie für andere Dinge nutzen.

Nr. 3 der persönlichen Schwächen: Unentschlossenheit

Wenn uns das Vertrauen in uns selbst fehlt, fällt es uns häufig auch schwer, Entscheidungen zu treffen. Das muss nicht nur die großen Entscheidungen wie Berufs- oder Partnerwahl betreffen, sondern kann sich auch bei den kleinen, alltäglichen Entscheidungen zeigen. Was soll ich heute anziehen? Was will ich essen? Welchen Film wollen wir schauen? In welches Café wollen wir gehen? Wie will ich den Tag verbringen?

Was hinter dieser Unentschlossenheit steckt: Wir haben Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Wir wollen es anderen recht machen, indem wir lieber sie entscheiden lassen. Oder wir wollen keine Verantwortung für das übernehmen, was vielleicht durch unsere Entscheidung passieren könnte. Wir haben kein Vertrauen in unsere Fähigkeit, mit allem umzugehen, was auf uns zukommt. Und oft treffen wir lieber gar keine Entscheidung, als womöglich etwas falsch zu machen.

Der Haken dabei: Keine Entscheidung zu treffen, ist ebenfalls eine Entscheidung. Nämlich die Entscheidung, nichts zu tun und passiv zu bleiben.

Persönliche Schwäche erkennen: Fällt es dir schwer, Entscheidungen zu treffen? Verlierst du dich manchmal so lange im Nachdenken, dass du am Ende keine Zeit mehr hast, eine der Möglichkeiten umzusetzen? Richtest du dich lieber nach anderen, statt zu sagen, was du willst? Fragst du eher Freunde und Familie, was sie tun würden, statt auf dein Gefühl zu hören?

Passendes Gegenmittel: Mach dir bewusst: Entscheidungen zu treffen ist ein Zeichen von Stärke. Es verleiht dir Kraft, denn damit übernimmst du selbst die Verantwortung für dein Leben. Außerdem ist es eine sehr attraktive Eigenschaft, wenn jemand genau weiß, was er will und dazu steht.

Wenn dich die Angst vor Fehlern lähmt, findest du im zweiten Teil dieser Buchserie („Stille zur Stärke machen“) praktische Anregungen dazu, dir eine neue Fehlerkultur aufzubauen.

Tipps für die Praxis:
Nimm dir vor einer (wichtigen) Entscheidung Zeit dafür, in dich hineinzuhorchen: Was willst du wirklich? Welche Konsequenzen ergeben sich aus welchem Weg? Führe dir kurz vor Augen, welche Möglichkeiten du hast und was wahrscheinlich dadurch passieren könnte (Fakten sammeln) und beobachte dann, wie du dich bei der Vorstellung von jedem möglichen Weg fühlst.

Bewerte jeden der möglichen Wege anhand einer Skala von 1 - 10. Du kannst dir dazu vor deinem inneren Auge bildlich eine Skala vorstellen, auf der du den Regler so lange verschiebst, bis es sich für dich richtig anfühlt. Oder du denkst nicht lange darüber nach – die Zahl, die dir als Erstes in den Sinn kommt, ist die richtige. Probiere es mit kleinen Entscheidungen aus und reflektiere hinterher, ob sich die Entscheidungen als gut herausgestellt haben.
Gerade bei kleineren Entscheidungen (Was soll ich heute essen? Welches Buch möchte ich als Nächstes lesen?), ist ein zeitliches Limit sehr hilfreich. Nimm dir drei Minuten, in denen du dir die Möglichkeiten anschaust und sie nach deinem Gefühl bewertest. Dann triff eine klare Entscheidung und bleib dabei.

Nr. 4 der persönlichen Schwächen: Logik über Gefühle

Weil das analytische Denken eine große Stärke von Introvertierten ist, orientieren sich viele von uns ganz besonders stark an Fakten. Bei Entscheidungen werden Pro-und Contra-Listen erstellt, Informationen sind erst dann etwas wert, wenn sie durch Studien belegt wurden, und generell verlassen wir uns in den seltensten Fällen nur auf unser Bauchgefühl. Warum? Gefühle kann man nicht kontrollieren oder erklären. Mit Fakten fühlen wir uns auf der sicheren Seite – da zeigt sich wieder unser hohes Sicherheitsbedürfnis.

Ich kenne das sehr gut, denn ich bin selbst so eine Faktenliebhaberin und leidenschaftliche Listenschreiberin. Problematisch wird es, wenn wir uns zu sehr auf die logische Ebene fokussieren und die Gefühlsebene vernachlässigen. Oftmals kann unser Bauchgefühl nämlich der entscheidende Punkt auf der Pro-und Contra-Liste sein. Und gerade im Umgang mit anderen Menschen ist es manchmal wichtiger, Gefühle zu zeigen, als sich an Fakten zu klammern.

Wenn wir unsere Gefühle nicht über unsere Körpersprache zeigen oder mit Worten ausdrücken können, kann das ein großer Nachteil für uns sein. Es lässt uns kalt und wenig empathisch wirken – obwohl das natürlich gar nicht stimmt.

Persönliche Schwäche erkennen: Wenn andere Menschen dir von einer emotionalen Situation erzählen, kannst du dich gut in sie hineinversetzen? Ist es schwierig für dich, über deine eigenen Gefühle sprechen? Wenn du ein starkes Gefühl hast (z. B. Freude, Begeisterung oder auch Wut), fällt es dir schwer, es ganz offen auszudrücken – besonders vor anderen Menschen?

Passendes Gegenmittel: Lerne deine Gefühlswelt kennen, achte ganz bewusst im Alltag darauf, wie du dich fühlst – und trainiere, diese Gefühle auf unterschiedliche Arten auszudrücken (z. B. durch das Reden, Schreiben, Malen, Tanzen, über Geschichten oder Musik). Praktische Übungen und weitere Anregungen dazu findest du im zweiten Teil dieser Buchserie („Stille zur Stärke machen“).

Nr. 5 der persönlichen Schwächen: Perfektionismus

Perfektionismus ist im Grunde nur ein schöneres Wort für Angst. Wir haben Angst, etwas falsch zu machen. Wir haben Angst, nicht gut genug zu sein. Angst davor, dass unsere Leistung nicht ausreicht. Aber wofür eigentlich? Welches Bedürfnis steckt dahinter? Wir wollen geliebt, wertgeschätzt und anerkannt werden. Und um das zu erreichen, versuchen wir, die perfekte Leistung (in verschiedensten Bereichen) zu erbringen. Wir glauben, dass wir es nur dann wert sind, geliebt zu werden, wenn wir etwas leisten – ein klares Anzeichen für ein statisches Selbstbild.

Persönliche Schwäche erkennen: Kontrollierst du alles doppelt und dreifach, damit dir auch ja kein Fehler unterläuft? Schiebst du schwierige Aufgaben eher auf, weil du Angst davor hast, zu versagen? Beschäftigen dich kleine Missgeschicke oft noch tagelang? Wiederholst du bestimmte Dinge so lange, bis sie in deinen Augen perfekt sind? Erledigst du Aufgaben lieber selbst, bevor du sie an andere abgibst? Fällt es dir schwer, Projekte zu beenden, weil du das Gefühl hast, dass sie noch nicht perfekt sind?

Passendes Gegenmittel: Lerne, deinen Selbstwert nicht mehr von deiner Leistung abhängig zu machen – dann kannst du dich auch vom Perfektionismus lösen. Hilfreich sind dabei vor allem Techniken, um dein Selbstbild positiv zu verändern. Praktische Übungen dazu sind im zweiten Teil dieser Buchserie („Stille zur Stärke machen“) zu finden.

Hier sind schon mal ein paar Gedankenanstöße dazu: Jeder Mensch macht es immer so gut, wie er kann. Akzeptiere, dass du es heute „nur“ so gut machen kannst, wie es deinem heutigen Kenntnisstand entspricht. Vielleicht lernst du morgen etwas Neues dazu, das ändert aber nichts daran, dass dein Ergebnis von gestern trotzdem gut genug war. Und nur, weil wir einmal etwas fertiggestellt haben, heißt das nicht, dass wir es nie wieder verändern dürfen.

Firmen aktualisieren ihre Logos auch nach einigen Jahren oder kreieren neue Slogans, um sie an den aktuellen Zeitgeist anzupassen. In der Modewelt gibt es jedes Jahr neue Trends und die Technik entwickelt sich so rasend schnell, dass ein heute brandneues Handymodell schon nächstes Jahr überholt ist.

Das trifft auch auf deinen Standpunkt zu: Du darfst deine Meinung ändern. Sie ist nicht in Stein gemeißelt, nur weil du sie einmal ausgesprochen hast.

Mit jedem Tag, jeder neuen Begegnung, jeder Erfahrung verändern wir uns. Wir lernen ständig Neues dazu, das unsere Sichtweisen beeinflusst. Nur, weil mich jemand vor drei Jahren gut gekannt hat, heißt das nicht, dass er mich heute immer noch gut kennt. Das ist ja letztendlich auch das Spannende an zwischenmenschlichen Beziehungen: Wir können einander immer wieder aufs Neue kennenlernen, genauso wie wir auch immer wieder neue Seiten an uns selbst entdecken werden.

Nr. 6 der persönlichen Schwächen: Zu viele Reize

Wenn wir zu vielen Eindrücken auf einmal ausgesetzt sind, wenn es um uns herum zu laut oder zu hektisch wird oder wir durch zu viel Schnelligkeit unter Druck gesetzt werden, verlieren wir ziemlich schnell ziemlich viel Energie. Irgendwann ist der Akku leer und wir machen einfach dicht. Darunter leiden natürlich vor allem unsere Kontakte, wenn wir in Gesprächen entweder gar nicht mehr richtig zuhören oder sie wegen solch schlechten Erfahrungen ganz vermeiden.

Das Schlimmste, was Introvertierte tun können, ist diese (vermeintliche) Schwäche zu verstecken. Wir müssen offen damit umgehen, dass wir immer wieder Auszeiten brauchen, um konzentriert zu bleiben.

Persönliche Schwäche erkennen: Wie geht es dir in großen Gesprächsrunden, in denen alle schnell und in hoher Lautstärke aufeinander einreden? Wünschst du dir Zeit zum Nachdenken, wenn jemand eine schnelle Entscheidung oder Reaktion von dir verlangt? Brauchst du nach einem langen Tag mit vielen Menschen Zeit für dich, um dich zu regenerieren?

Passendes Gegenmittel: Gutes Energiemanagement. Wenn wir wissen, was uns Energie gibt, können wir den Energieverlust bei sozialen Anlässen damit ausgleichen. Mehr dazu erfährst du im folgenden Kapitel.

Nr. 7 der persönlichen Schwächen: Konflikte vermeiden

„Mit dir kann man sich einfach nicht streiten!“ Diesen oder einen ähnlichen Satz haben viele Introvertierte schon einmal gehört. Was auf den ersten Blick sehr positiv scheint, verliert bei näherem Hinsehen seinen Glanz. Denn es liegt meistens nicht an der großen Friedfertigkeit, sondern vielmehr daran, dass wir uns nicht trauen, Dinge anzusprechen, die uns stören. Konfliktgespräche sind anstrengend, kosten viel Energie und wir wissen nicht, wie sie ausgehen. Es könnte dadurch auch schlimmer werden als vorher.

Für Introvertierte, die, wie wir ja wissen, ein hohes Sicherheitsbedürfnis haben, ist das dementsprechend ein großes Risiko. Also schlucken wir unseren Ärger eher hinunter und arrangieren uns mit der Situation. Die Vorteile liegen auf der Hand: Wir sparen uns den Energieaufwand, können die Kontrolle behalten und nach außen hin harmonisch mit unseren Mitmenschen umgehen.

Doch der Ärger über die Situation ist natürlich immer noch da und quält uns. Und das Schlimmste daran ist, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse nicht ernst nehmen. Wer sich selbst liebt und respektiert, scheut sich nicht davor, Dinge, die ihn wirklich belasten anzusprechen. Denn wir sind ganz allein dafür verantwortlich, dass es uns gut geht.

Persönliche Schwäche erkennen: Wie gehst du mit Konflikten um? Wenn dich das Verhalten von jemandem stört oder du wegen einer Situation so richtig wütend bist, schluckst du deinen Ärger eher hinunter? Vermeidest du Konflikte, weil du Angst vor dem Verlauf des Gespräches hast?

Passendes Gegenmittel: Lerne, wie du Konflikte so ansprichst, dass dein Gegenüber sich nicht angegriffen fühlt. Du kannst dafür zum Beispiel die vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation nutzen (1. Beobachtung: Sachliche Beschreibung, was passiert ist, 2. Gefühl: Wie fühle ICH mich dabei? 3. Bedürfnis: Welches Bedürfnis steckt hinter dem Gefühl? 4. Bitte: Wunsch für die Zukunft aussprechen).

Mehr dazu und weitere Möglichkeiten, ohne schlechtes Gewissen Grenzen zu setzen, zeige ich dir im zweiten Teil dieser Buchserie („Stille zur Stärke machen“).

Übung: Persönliche Schwächen erkennen

Notiere dir hier, was deine drei größten Schwächen sind. Nicht jeder Introvertierte hat die gleichen Schwächen und vielleicht fallen dir auch noch individuelle ein, die du dir hier aufschreiben möchtest.

Schreibe dir zuerst deine Schwäche auf und überlege dir dann, in welcher Situation du sie besonders oft wahrnimmst. Dann frage dich, welches Bedürfnis dahintersteckt – und welches Gegenmittel du deshalb für deine Schwäche bereitstellen kannst. (Mach dir dazu eine Tabelle mit vier Spalten: „Meine Schwäche“, „zeigt sich in diesen Momenten“, „Bedürfnis“ und „Gegenmittel“.)

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ZUM NÄCHSTEN KAPITEL

KAPITEL 1.7

Persönliche Schwächen von Introvertierten

Neben ihren Stärken haben Introvertierte, genau wie Extrovertierte, auch einige persönliche Schwächen. Um ein echtes Verständnis von uns selbst entwickeln zu können, ist es wichtig, auch diese gut zu kennen. Nur so wissen wir, wie wir mit ihnen umgehen können, damit sie uns nicht negativ beeinflussen.

Natürlich ist es nicht immer zwingend notwendig, an einer Schwäche zu arbeiten. Es kommt ganz darauf an, ob uns diese Schwäche im Alltag tatsächlich blockiert oder nicht. Sollte uns aber etwas daran hindern, ein wichtiges Ziel zu erreichen, macht es Sinn, passende Gegenstrategien zu entwickeln.

7 persönliche Schwächen von Introvertierten

Nr. 1 der persönlichen Schwächen: Schüchternheit

Wie du nun schon weißt, gehören Introversion und Schüchternheit nicht zwingend zusammen. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Introvertierte (mich eingeschlossen) sich auch gleichzeitig ein schüchternes Verhalten antrainiert haben. Dadurch vermeiden wir soziale Situationen, die uns Angst machen, so gut wir können.
Eigentlich hätten wir aber gerne mehr Kontakt zu anderen Menschen und trauen uns nur nicht, auf sie zuzugehen. Die Angst vor dem, was andere von uns denken und vor allem davor, dass sie uns ablehnen könnten, ist riesig. Also halten wir uns lieber im Hintergrund.

Persönliche Schwäche erkennen: Wenn du auf einer Veranstaltung mit vielen fremden Menschen bist und mit jemandem ins Gespräch kommen möchtest, fällt dir das schwer? Wenn dich jemand nach deiner Meinung fragt, hast du Angst vor der Reaktion der anderen? Fühlst du dich generell in sozialen Situationen eher unsicher?

Passendes Gegenmittel: Dein Selbstbewusstsein stärken, passende Strategien aussuchen und neue Erfahrungswerte sammeln. Ja, auch Introvertierte kommen nicht drumherum, aus ihrer Komfortzone herauszugehen. Aber es kommt auf das WIE an: in kleinen Schritten, im eigenen Tempo und mit Techniken, die zu ihrer introvertierten Art passen.

Selbstbewusstsein stärken
Wie du vielleicht weißt, habe ich anfangs einen großen Fehler gemacht, als ich meine Schüchternheit überwinden wollte: Ich habe mir Strategien für Gesprächseinstiege und Smalltalk rausgesucht und dachte, das würde mir helfen. Aber was bringt mir der tollste Gesprächseinstieg, wenn ich im entscheidenden Moment vor lauter Unsicherheit kein Wort herausbringe?
Nach etlichen peinlichen Situationen habe ich dann verstanden, dass ich erst mal aufhören musste, mich schüchtern zu verhalten – sprich: ich musste mich um meine Angst vor Zurückweisung kümmern. Ich brauchte zuerst ein inneres Sicherheitsgefühl, um wirklich entspannt mit anderen Menschen umgehen zu können.

Schritt 1 lautet deshalb: Lerne dich selbst richtig gut kennen (deine introvertierten Eigenschaften, persönliche Schwächen und Stärken, usw.), baue dir ein positives Selbstbild auf und entwickle einen bewussten Umgang mit deinen Gefühlen – so gelangst du Schritt für Schritt zu mehr innerer Stärke. Vieles davon findest du in diesem Guide, einiges im zweiten Teil „Stille zur Stärke machen“.

Passende Strategien aussuchen
Wenn du dir ein starkes Selbstbewusstsein aufgebaut hast, geht es im nächsten Schritt darum, herauszufinden, wie du auf deine Weise besser mit sozialen Situationen umgehen kannst. Ich habe an dieser Stelle eine Menge recherchiert (Bücher, Artikel, Videos) und beobachtet (Gespräche im Alltag), um zu lernen, wie man auf ruhige Art Verbindungen zu anderen Menschen aufbauen kann.

Bei Schritt 2 geht es also um folgende Strategien: Wie komme ich mit anderen ins Gespräch, ohne mich zu verstellen? Wie finde ich Gleichgesinnte und wie kann ich den Kontakt zu anderen Menschen endlich genießen? Wie kann ich Grenzen setzen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben?

Wenn du dabei eine Abkürzung nehmen willst: Meine gesammelten Strategien und Erfahrungen hierzu findest Du in meinem Buch „Besser mit Menschen umgehen“. Sobald du dich dann mit den zu dir passenden Strategien gewappnet hast, bist du bereit für den nächsten Schritt:

Neue Erfahrungswerte sammeln
Schüchternes Verhalten basiert auf der Angst vor Zurückweisung. Und diese Angst ist deshalb so stark, weil sie immer wieder durch negative Erlebnisse bestätigt wurde. Also müssen positive Erfahrungswerte her!
Der dritte und letzte Schritt besteht deshalb aus ganz viel: ausprobieren, hinfallen, wieder aufstehen, reflektieren, anpassen, ausprobieren, usw. Egal ob bei Familie, Freunden, Bekannten oder Unbekannten, im Alltag, auf Seminaren oder im beruflichen Umfeld – du kannst überall „trainieren“.

Es geht dabei nicht darum, sofort alles zu meistern. Wichtig ist nur, dass du merkst: „Hey, mir passiert ja gar nichts Schlimmes!“
Halte bei jedem Erlebnis nach einer positiven Rückmeldung Ausschau (und wenn es „nur“ ein Lächeln ist). Fokussiere dich darauf, was du in der Situation gelernt hast – dann wirst du dich nach und nach immer sicherer fühlen und die Veränderung von schüchtern hin zu selbstsicher bald selbst deutlich merken.

Nr. 2 der persönlichen Schwächen: Kopfzerbrechen

Viele ruhige Menschen sind großartige analytische Denker und spielen gern alle möglichen Szenarien in ihrem Kopf durch. Das bereitet uns auf alle Eventualitäten vor und gibt uns oft sogar Energie. Ich liebe es auch, in meine Gedankenwelten abzutauchen. Allerdings gibt es auch eine große Gefahr dabei: Wir denken zu viel nach – vor allem über die negativen Möglichkeiten.

Persönliche Schwäche erkennen: Grübelst du vor bestimmten Situationen stundenlang darüber, was alles schief gehen könnte? Bringst du dich mit deinen eigenen Gedanken in eine schlechte Stimmung? Stellst du hinterher oft fest, dass du dir umsonst Sorgen gemacht hast – weil deine Befürchtungen gar nicht eingetreten sind?

Passendes Gegenmittel: Mach dir bewusst, dass du nicht kontrollieren kannst, wie andere Menschen reagieren oder wie die Dinge laufen. Was du aber beeinflussen kannst, ist deine Reaktion darauf.

Wenn etwas Wichtiges ansteht, frage dich: Was könnte mich am Erreichen meines Ziels hindern? Im nächsten Schritt erstellst du dir daraus einen Wenn-Dann-Plan. Wenn XY passiert, dann tue ich Z. Mit guter Vorbereitung kannst du dir selbst die Sicherheit geben, die du brauchst. Gleichzeitig sparst du damit auch wertvolle Energie. Denn sobald du einmal die wichtigsten Möglichkeiten durchdacht hast, musst du dich nicht mehr die ganze Zeit verrückt machen – und kannst deine Energie für andere Dinge nutzen.

Nr. 3 der persönlichen Schwächen: Unentschlossenheit

Wenn uns das Vertrauen in uns selbst fehlt, fällt es uns häufig auch schwer, Entscheidungen zu treffen. Das muss nicht nur die großen Entscheidungen wie Berufs- oder Partnerwahl betreffen, sondern kann sich auch bei den kleinen, alltäglichen Entscheidungen zeigen. Was soll ich heute anziehen? Was will ich essen? Welchen Film wollen wir schauen? In welches Café wollen wir gehen? Wie will ich den Tag verbringen?

Was hinter dieser Unentschlossenheit steckt: Wir haben Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Wir wollen es anderen recht machen, indem wir lieber sie entscheiden lassen. Oder wir wollen keine Verantwortung für das übernehmen, was vielleicht durch unsere Entscheidung passieren könnte. Wir haben kein Vertrauen in unsere Fähigkeit, mit allem umzugehen, was auf uns zukommt. Und oft treffen wir lieber gar keine Entscheidung, als womöglich etwas falsch zu machen.

Der Haken dabei: Keine Entscheidung zu treffen, ist ebenfalls eine Entscheidung. Nämlich die Entscheidung, nichts zu tun und passiv zu bleiben.

Persönliche Schwäche erkennen: Fällt es dir schwer, Entscheidungen zu treffen? Verlierst du dich manchmal so lange im Nachdenken, dass du am Ende keine Zeit mehr hast, eine der Möglichkeiten umzusetzen? Richtest du dich lieber nach anderen, statt zu sagen, was du willst? Fragst du eher Freunde und Familie, was sie tun würden, statt auf dein Gefühl zu hören?

Passendes Gegenmittel: Mach dir bewusst: Entscheidungen zu treffen ist ein Zeichen von Stärke. Es verleiht dir Kraft, denn damit übernimmst du selbst die Verantwortung für dein Leben. Außerdem ist es eine sehr attraktive Eigenschaft, wenn jemand genau weiß, was er will und dazu steht.

Wenn dich die Angst vor Fehlern lähmt, findest du im zweiten Teil dieser Buchserie („Stille zur Stärke machen“) praktische Anregungen dazu, dir eine neue Fehlerkultur aufzubauen.

Tipps für die Praxis:
Nimm dir vor einer (wichtigen) Entscheidung Zeit dafür, in dich hineinzuhorchen: Was willst du wirklich? Welche Konsequenzen ergeben sich aus welchem Weg? Führe dir kurz vor Augen, welche Möglichkeiten du hast und was wahrscheinlich dadurch passieren könnte (Fakten sammeln) und beobachte dann, wie du dich bei der Vorstellung von jedem möglichen Weg fühlst.

Bewerte jeden der möglichen Wege anhand einer Skala von 1 - 10. Du kannst dir dazu vor deinem inneren Auge bildlich eine Skala vorstellen, auf der du den Regler so lange verschiebst, bis es sich für dich richtig anfühlt. Oder du denkst nicht lange darüber nach – die Zahl, die dir als Erstes in den Sinn kommt, ist die richtige. Probiere es mit kleinen Entscheidungen aus und reflektiere hinterher, ob sich die Entscheidungen als gut herausgestellt haben.
Gerade bei kleineren Entscheidungen (Was soll ich heute essen? Welches Buch möchte ich als Nächstes lesen?), ist ein zeitliches Limit sehr hilfreich. Nimm dir drei Minuten, in denen du dir die Möglichkeiten anschaust und sie nach deinem Gefühl bewertest. Dann triff eine klare Entscheidung und bleib dabei.

Nr. 4 der persönlichen Schwächen: Logik über Gefühle

Weil das analytische Denken eine große Stärke von Introvertierten ist, orientieren sich viele von uns ganz besonders stark an Fakten. Bei Entscheidungen werden Pro-und Contra-Listen erstellt, Informationen sind erst dann etwas wert, wenn sie durch Studien belegt wurden, und generell verlassen wir uns in den seltensten Fällen nur auf unser Bauchgefühl. Warum? Gefühle kann man nicht kontrollieren oder erklären. Mit Fakten fühlen wir uns auf der sicheren Seite – da zeigt sich wieder unser hohes Sicherheitsbedürfnis.

Ich kenne das sehr gut, denn ich bin selbst so eine Faktenliebhaberin und leidenschaftliche Listenschreiberin. Problematisch wird es, wenn wir uns zu sehr auf die logische Ebene fokussieren und die Gefühlsebene vernachlässigen. Oftmals kann unser Bauchgefühl nämlich der entscheidende Punkt auf der Pro-und Contra-Liste sein. Und gerade im Umgang mit anderen Menschen ist es manchmal wichtiger, Gefühle zu zeigen, als sich an Fakten zu klammern.

Wenn wir unsere Gefühle nicht über unsere Körpersprache zeigen oder mit Worten ausdrücken können, kann das ein großer Nachteil für uns sein. Es lässt uns kalt und wenig empathisch wirken – obwohl das natürlich gar nicht stimmt.

Persönliche Schwäche erkennen: Wenn andere Menschen dir von einer emotionalen Situation erzählen, kannst du dich gut in sie hineinversetzen? Ist es schwierig für dich, über deine eigenen Gefühle sprechen? Wenn du ein starkes Gefühl hast (z. B. Freude, Begeisterung oder auch Wut), fällt es dir schwer, es ganz offen auszudrücken – besonders vor anderen Menschen?

Passendes Gegenmittel: Lerne deine Gefühlswelt kennen, achte ganz bewusst im Alltag darauf, wie du dich fühlst – und trainiere, diese Gefühle auf unterschiedliche Arten auszudrücken (z. B. durch das Reden, Schreiben, Malen, Tanzen, über Geschichten oder Musik). Praktische Übungen und weitere Anregungen dazu findest du im zweiten Teil dieser Buchserie („Stille zur Stärke machen“).

Nr. 5 der persönlichen Schwächen: Perfektionismus

Perfektionismus ist im Grunde nur ein schöneres Wort für Angst. Wir haben Angst, etwas falsch zu machen. Wir haben Angst, nicht gut genug zu sein. Angst davor, dass unsere Leistung nicht ausreicht. Aber wofür eigentlich? Welches Bedürfnis steckt dahinter? Wir wollen geliebt, wertgeschätzt und anerkannt werden. Und um das zu erreichen, versuchen wir, die perfekte Leistung (in verschiedensten Bereichen) zu erbringen. Wir glauben, dass wir es nur dann wert sind, geliebt zu werden, wenn wir etwas leisten – ein klares Anzeichen für ein statisches Selbstbild.

Persönliche Schwäche erkennen: Kontrollierst du alles doppelt und dreifach, damit dir auch ja kein Fehler unterläuft? Schiebst du schwierige Aufgaben eher auf, weil du Angst davor hast, zu versagen? Beschäftigen dich kleine Missgeschicke oft noch tagelang? Wiederholst du bestimmte Dinge so lange, bis sie in deinen Augen perfekt sind? Erledigst du Aufgaben lieber selbst, bevor du sie an andere abgibst? Fällt es dir schwer, Projekte zu beenden, weil du das Gefühl hast, dass sie noch nicht perfekt sind?

Passendes Gegenmittel: Lerne, deinen Selbstwert nicht mehr von deiner Leistung abhängig zu machen – dann kannst du dich auch vom Perfektionismus lösen. Hilfreich sind dabei vor allem Techniken, um dein Selbstbild positiv zu verändern. Praktische Übungen dazu sind im zweiten Teil dieser Buchserie („Stille zur Stärke machen“) zu finden.

Hier sind schon mal ein paar Gedankenanstöße dazu: Jeder Mensch macht es immer so gut, wie er kann. Akzeptiere, dass du es heute „nur“ so gut machen kannst, wie es deinem heutigen Kenntnisstand entspricht. Vielleicht lernst du morgen etwas Neues dazu, das ändert aber nichts daran, dass dein Ergebnis von gestern trotzdem gut genug war. Und nur, weil wir einmal etwas fertiggestellt haben, heißt das nicht, dass wir es nie wieder verändern dürfen.

Firmen aktualisieren ihre Logos auch nach einigen Jahren oder kreieren neue Slogans, um sie an den aktuellen Zeitgeist anzupassen. In der Modewelt gibt es jedes Jahr neue Trends und die Technik entwickelt sich so rasend schnell, dass ein heute brandneues Handymodell schon nächstes Jahr überholt ist.

Das trifft auch auf deinen Standpunkt zu: Du darfst deine Meinung ändern. Sie ist nicht in Stein gemeißelt, nur weil du sie einmal ausgesprochen hast.

Mit jedem Tag, jeder neuen Begegnung, jeder Erfahrung verändern wir uns. Wir lernen ständig Neues dazu, das unsere Sichtweisen beeinflusst. Nur, weil mich jemand vor drei Jahren gut gekannt hat, heißt das nicht, dass er mich heute immer noch gut kennt. Das ist ja letztendlich auch das Spannende an zwischenmenschlichen Beziehungen: Wir können einander immer wieder aufs Neue kennenlernen, genauso wie wir auch immer wieder neue Seiten an uns selbst entdecken werden.

Nr. 6 der persönlichen Schwächen: Zu viele Reize

Wenn wir zu vielen Eindrücken auf einmal ausgesetzt sind, wenn es um uns herum zu laut oder zu hektisch wird oder wir durch zu viel Schnelligkeit unter Druck gesetzt werden, verlieren wir ziemlich schnell ziemlich viel Energie. Irgendwann ist der Akku leer und wir machen einfach dicht. Darunter leiden natürlich vor allem unsere Kontakte, wenn wir in Gesprächen entweder gar nicht mehr richtig zuhören oder sie wegen solch schlechten Erfahrungen ganz vermeiden.

Das Schlimmste, was Introvertierte tun können, ist diese (vermeintliche) Schwäche zu verstecken. Wir müssen offen damit umgehen, dass wir immer wieder Auszeiten brauchen, um konzentriert zu bleiben.

Persönliche Schwäche erkennen: Wie geht es dir in großen Gesprächsrunden, in denen alle schnell und in hoher Lautstärke aufeinander einreden? Wünschst du dir Zeit zum Nachdenken, wenn jemand eine schnelle Entscheidung oder Reaktion von dir verlangt? Brauchst du nach einem langen Tag mit vielen Menschen Zeit für dich, um dich zu regenerieren?

Passendes Gegenmittel: Gutes Energiemanagement. Wenn wir wissen, was uns Energie gibt, können wir den Energieverlust bei sozialen Anlässen damit ausgleichen. Mehr dazu erfährst du im folgenden Kapitel.

Nr. 7 der persönlichen Schwächen: Konflikte vermeiden

„Mit dir kann man sich einfach nicht streiten!“ Diesen oder einen ähnlichen Satz haben viele Introvertierte schon einmal gehört. Was auf den ersten Blick sehr positiv scheint, verliert bei näherem Hinsehen seinen Glanz. Denn es liegt meistens nicht an der großen Friedfertigkeit, sondern vielmehr daran, dass wir uns nicht trauen, Dinge anzusprechen, die uns stören. Konfliktgespräche sind anstrengend, kosten viel Energie und wir wissen nicht, wie sie ausgehen. Es könnte dadurch auch schlimmer werden als vorher.

Für Introvertierte, die, wie wir ja wissen, ein hohes Sicherheitsbedürfnis haben, ist das dementsprechend ein großes Risiko. Also schlucken wir unseren Ärger eher hinunter und arrangieren uns mit der Situation. Die Vorteile liegen auf der Hand: Wir sparen uns den Energieaufwand, können die Kontrolle behalten und nach außen hin harmonisch mit unseren Mitmenschen umgehen.

Doch der Ärger über die Situation ist natürlich immer noch da und quält uns. Und das Schlimmste daran ist, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse nicht ernst nehmen. Wer sich selbst liebt und respektiert, scheut sich nicht davor, Dinge, die ihn wirklich belasten anzusprechen. Denn wir sind ganz allein dafür verantwortlich, dass es uns gut geht.

Persönliche Schwäche erkennen: Wie gehst du mit Konflikten um? Wenn dich das Verhalten von jemandem stört oder du wegen einer Situation so richtig wütend bist, schluckst du deinen Ärger eher hinunter? Vermeidest du Konflikte, weil du Angst vor dem Verlauf des Gespräches hast?

Passendes Gegenmittel: Lerne, wie du Konflikte so ansprichst, dass dein Gegenüber sich nicht angegriffen fühlt. Du kannst dafür zum Beispiel die vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation nutzen (1. Beobachtung: Sachliche Beschreibung, was passiert ist, 2. Gefühl: Wie fühle ICH mich dabei? 3. Bedürfnis: Welches Bedürfnis steckt hinter dem Gefühl? 4. Bitte: Wunsch für die Zukunft aussprechen).

Mehr dazu und weitere Möglichkeiten, ohne schlechtes Gewissen Grenzen zu setzen, zeige ich dir im zweiten Teil dieser Buchserie („Stille zur Stärke machen“).

Übung: Persönliche Schwächen erkennen

Notiere dir hier, was deine drei größten Schwächen sind. Nicht jeder Introvertierte hat die gleichen Schwächen und vielleicht fallen dir auch noch individuelle ein, die du dir hier aufschreiben möchtest.

Schreibe dir zuerst deine Schwäche auf und überlege dir dann, in welcher Situation du sie besonders oft wahrnimmst. Dann frage dich, welches Bedürfnis dahintersteckt – und welches Gegenmittel du deshalb für deine Schwäche bereitstellen kannst. (Mach dir dazu eine Tabelle mit vier Spalten: „Meine Schwäche“, „zeigt sich in diesen Momenten“, „Bedürfnis“ und „Gegenmittel“.)

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KAPITEL 1.7

Persönliche Schwächen von Introvertierten

Neben ihren Stärken haben Introvertierte, genau wie Extrovertierte, auch einige persönliche Schwächen. Um ein echtes Verständnis von uns selbst entwickeln zu können, ist es wichtig, auch diese gut zu kennen. Nur so wissen wir, wie wir mit ihnen umgehen können, damit sie uns nicht negativ beeinflussen.

Natürlich ist es nicht immer zwingend notwendig, an einer Schwäche zu arbeiten. Es kommt ganz darauf an, ob uns diese Schwäche im Alltag tatsächlich blockiert oder nicht. Sollte uns aber etwas daran hindern, ein wichtiges Ziel zu erreichen, macht es Sinn, passende Gegenstrategien zu entwickeln.

7 persönliche Schwächen von Introvertierten

Nr. 1 der persönlichen Schwächen: Schüchternheit

Wie du nun schon weißt, gehören Introversion und Schüchternheit nicht zwingend zusammen. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Introvertierte (mich eingeschlossen) sich auch gleichzeitig ein schüchternes Verhalten antrainiert haben. Dadurch vermeiden wir soziale Situationen, die uns Angst machen, so gut wir können.
Eigentlich hätten wir aber gerne mehr Kontakt zu anderen Menschen und trauen uns nur nicht, auf sie zuzugehen. Die Angst vor dem, was andere von uns denken und vor allem davor, dass sie uns ablehnen könnten, ist riesig. Also halten wir uns lieber im Hintergrund.

Persönliche Schwäche erkennen: Wenn du auf einer Veranstaltung mit vielen fremden Menschen bist und mit jemandem ins Gespräch kommen möchtest, fällt dir das schwer? Wenn dich jemand nach deiner Meinung fragt, hast du Angst vor der Reaktion der anderen? Fühlst du dich generell in sozialen Situationen eher unsicher?

Passendes Gegenmittel: Dein Selbstbewusstsein stärken, passende Strategien aussuchen und neue Erfahrungswerte sammeln. Ja, auch Introvertierte kommen nicht drumherum, aus ihrer Komfortzone herauszugehen. Aber es kommt auf das WIE an: in kleinen Schritten, im eigenen Tempo und mit Techniken, die zu ihrer introvertierten Art passen.

Selbstbewusstsein stärken
Wie du vielleicht weißt, habe ich anfangs einen großen Fehler gemacht, als ich meine Schüchternheit überwinden wollte: Ich habe mir Strategien für Gesprächseinstiege und Smalltalk rausgesucht und dachte, das würde mir helfen. Aber was bringt mir der tollste Gesprächseinstieg, wenn ich im entscheidenden Moment vor lauter Unsicherheit kein Wort herausbringe?
Nach etlichen peinlichen Situationen habe ich dann verstanden, dass ich erst mal aufhören musste, mich schüchtern zu verhalten – sprich: ich musste mich um meine Angst vor Zurückweisung kümmern. Ich brauchte zuerst ein inneres Sicherheitsgefühl, um wirklich entspannt mit anderen Menschen umgehen zu können.

Schritt 1 lautet deshalb: Lerne dich selbst richtig gut kennen (deine introvertierten Eigenschaften, persönliche Schwächen und Stärken, usw.), baue dir ein positives Selbstbild auf und entwickle einen bewussten Umgang mit deinen Gefühlen – so gelangst du Schritt für Schritt zu mehr innerer Stärke. Vieles davon findest du in diesem Guide, einiges im zweiten Teil „Stille zur Stärke machen“.

Passende Strategien aussuchen
Wenn du dir ein starkes Selbstbewusstsein aufgebaut hast, geht es im nächsten Schritt darum, herauszufinden, wie du auf deine Weise besser mit sozialen Situationen umgehen kannst. Ich habe an dieser Stelle eine Menge recherchiert (Bücher, Artikel, Videos) und beobachtet (Gespräche im Alltag), um zu lernen, wie man auf ruhige Art Verbindungen zu anderen Menschen aufbauen kann.

Bei Schritt 2 geht es also um folgende Strategien: Wie komme ich mit anderen ins Gespräch, ohne mich zu verstellen? Wie finde ich Gleichgesinnte und wie kann ich den Kontakt zu anderen Menschen endlich genießen? Wie kann ich Grenzen setzen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben?

Wenn du dabei eine Abkürzung nehmen willst: Meine gesammelten Strategien und Erfahrungen hierzu findest Du in meinem Buch „Besser mit Menschen umgehen“. Sobald du dich dann mit den zu dir passenden Strategien gewappnet hast, bist du bereit für den nächsten Schritt:

Neue Erfahrungswerte sammeln
Schüchternes Verhalten basiert auf der Angst vor Zurückweisung. Und diese Angst ist deshalb so stark, weil sie immer wieder durch negative Erlebnisse bestätigt wurde. Also müssen positive Erfahrungswerte her!
Der dritte und letzte Schritt besteht deshalb aus ganz viel: ausprobieren, hinfallen, wieder aufstehen, reflektieren, anpassen, ausprobieren, usw. Egal ob bei Familie, Freunden, Bekannten oder Unbekannten, im Alltag, auf Seminaren oder im beruflichen Umfeld – du kannst überall „trainieren“.

Es geht dabei nicht darum, sofort alles zu meistern. Wichtig ist nur, dass du merkst: „Hey, mir passiert ja gar nichts Schlimmes!“
Halte bei jedem Erlebnis nach einer positiven Rückmeldung Ausschau (und wenn es „nur“ ein Lächeln ist). Fokussiere dich darauf, was du in der Situation gelernt hast – dann wirst du dich nach und nach immer sicherer fühlen und die Veränderung von schüchtern hin zu selbstsicher bald selbst deutlich merken.

Nr. 2 der persönlichen Schwächen: Kopfzerbrechen

Viele ruhige Menschen sind großartige analytische Denker und spielen gern alle möglichen Szenarien in ihrem Kopf durch. Das bereitet uns auf alle Eventualitäten vor und gibt uns oft sogar Energie. Ich liebe es auch, in meine Gedankenwelten abzutauchen. Allerdings gibt es auch eine große Gefahr dabei: Wir denken zu viel nach – vor allem über die negativen Möglichkeiten.

Persönliche Schwäche erkennen: Grübelst du vor bestimmten Situationen stundenlang darüber, was alles schief gehen könnte? Bringst du dich mit deinen eigenen Gedanken in eine schlechte Stimmung? Stellst du hinterher oft fest, dass du dir umsonst Sorgen gemacht hast – weil deine Befürchtungen gar nicht eingetreten sind?

Passendes Gegenmittel: Mach dir bewusst, dass du nicht kontrollieren kannst, wie andere Menschen reagieren oder wie die Dinge laufen. Was du aber beeinflussen kannst, ist deine Reaktion darauf.

Wenn etwas Wichtiges ansteht, frage dich: Was könnte mich am Erreichen meines Ziels hindern? Im nächsten Schritt erstellst du dir daraus einen Wenn-Dann-Plan. Wenn XY passiert, dann tue ich Z. Mit guter Vorbereitung kannst du dir selbst die Sicherheit geben, die du brauchst. Gleichzeitig sparst du damit auch wertvolle Energie. Denn sobald du einmal die wichtigsten Möglichkeiten durchdacht hast, musst du dich nicht mehr die ganze Zeit verrückt machen – und kannst deine Energie für andere Dinge nutzen.

Nr. 3 der persönlichen Schwächen: Unentschlossenheit

Wenn uns das Vertrauen in uns selbst fehlt, fällt es uns häufig auch schwer, Entscheidungen zu treffen. Das muss nicht nur die großen Entscheidungen wie Berufs- oder Partnerwahl betreffen, sondern kann sich auch bei den kleinen, alltäglichen Entscheidungen zeigen. Was soll ich heute anziehen? Was will ich essen? Welchen Film wollen wir schauen? In welches Café wollen wir gehen? Wie will ich den Tag verbringen?

Was hinter dieser Unentschlossenheit steckt: Wir haben Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Wir wollen es anderen recht machen, indem wir lieber sie entscheiden lassen. Oder wir wollen keine Verantwortung für das übernehmen, was vielleicht durch unsere Entscheidung passieren könnte. Wir haben kein Vertrauen in unsere Fähigkeit, mit allem umzugehen, was auf uns zukommt. Und oft treffen wir lieber gar keine Entscheidung, als womöglich etwas falsch zu machen.

Der Haken dabei: Keine Entscheidung zu treffen, ist ebenfalls eine Entscheidung. Nämlich die Entscheidung, nichts zu tun und passiv zu bleiben.

Persönliche Schwäche erkennen: Fällt es dir schwer, Entscheidungen zu treffen? Verlierst du dich manchmal so lange im Nachdenken, dass du am Ende keine Zeit mehr hast, eine der Möglichkeiten umzusetzen? Richtest du dich lieber nach anderen, statt zu sagen, was du willst? Fragst du eher Freunde und Familie, was sie tun würden, statt auf dein Gefühl zu hören?

Passendes Gegenmittel: Mach dir bewusst: Entscheidungen zu treffen ist ein Zeichen von Stärke. Es verleiht dir Kraft, denn damit übernimmst du selbst die Verantwortung für dein Leben. Außerdem ist es eine sehr attraktive Eigenschaft, wenn jemand genau weiß, was er will und dazu steht.

Wenn dich die Angst vor Fehlern lähmt, findest du im zweiten Teil dieser Buchserie („Stille zur Stärke machen“) praktische Anregungen dazu, dir eine neue Fehlerkultur aufzubauen.

Tipps für die Praxis:
Nimm dir vor einer (wichtigen) Entscheidung Zeit dafür, in dich hineinzuhorchen: Was willst du wirklich? Welche Konsequenzen ergeben sich aus welchem Weg? Führe dir kurz vor Augen, welche Möglichkeiten du hast und was wahrscheinlich dadurch passieren könnte (Fakten sammeln) und beobachte dann, wie du dich bei der Vorstellung von jedem möglichen Weg fühlst.

Bewerte jeden der möglichen Wege anhand einer Skala von 1 - 10. Du kannst dir dazu vor deinem inneren Auge bildlich eine Skala vorstellen, auf der du den Regler so lange verschiebst, bis es sich für dich richtig anfühlt. Oder du denkst nicht lange darüber nach – die Zahl, die dir als Erstes in den Sinn kommt, ist die richtige. Probiere es mit kleinen Entscheidungen aus und reflektiere hinterher, ob sich die Entscheidungen als gut herausgestellt haben.
Gerade bei kleineren Entscheidungen (Was soll ich heute essen? Welches Buch möchte ich als Nächstes lesen?), ist ein zeitliches Limit sehr hilfreich. Nimm dir drei Minuten, in denen du dir die Möglichkeiten anschaust und sie nach deinem Gefühl bewertest. Dann triff eine klare Entscheidung und bleib dabei.

Nr. 4 der persönlichen Schwächen: Logik über Gefühle

Weil das analytische Denken eine große Stärke von Introvertierten ist, orientieren sich viele von uns ganz besonders stark an Fakten. Bei Entscheidungen werden Pro-und Contra-Listen erstellt, Informationen sind erst dann etwas wert, wenn sie durch Studien belegt wurden, und generell verlassen wir uns in den seltensten Fällen nur auf unser Bauchgefühl. Warum? Gefühle kann man nicht kontrollieren oder erklären. Mit Fakten fühlen wir uns auf der sicheren Seite – da zeigt sich wieder unser hohes Sicherheitsbedürfnis.

Ich kenne das sehr gut, denn ich bin selbst so eine Faktenliebhaberin und leidenschaftliche Listenschreiberin. Problematisch wird es, wenn wir uns zu sehr auf die logische Ebene fokussieren und die Gefühlsebene vernachlässigen. Oftmals kann unser Bauchgefühl nämlich der entscheidende Punkt auf der Pro-und Contra-Liste sein. Und gerade im Umgang mit anderen Menschen ist es manchmal wichtiger, Gefühle zu zeigen, als sich an Fakten zu klammern.

Wenn wir unsere Gefühle nicht über unsere Körpersprache zeigen oder mit Worten ausdrücken können, kann das ein großer Nachteil für uns sein. Es lässt uns kalt und wenig empathisch wirken – obwohl das natürlich gar nicht stimmt.

Persönliche Schwäche erkennen: Wenn andere Menschen dir von einer emotionalen Situation erzählen, kannst du dich gut in sie hineinversetzen? Ist es schwierig für dich, über deine eigenen Gefühle sprechen? Wenn du ein starkes Gefühl hast (z. B. Freude, Begeisterung oder auch Wut), fällt es dir schwer, es ganz offen auszudrücken – besonders vor anderen Menschen?

Passendes Gegenmittel: Lerne deine Gefühlswelt kennen, achte ganz bewusst im Alltag darauf, wie du dich fühlst – und trainiere, diese Gefühle auf unterschiedliche Arten auszudrücken (z. B. durch das Reden, Schreiben, Malen, Tanzen, über Geschichten oder Musik). Praktische Übungen und weitere Anregungen dazu findest du im zweiten Teil dieser Buchserie („Stille zur Stärke machen“).

Nr. 5 der persönlichen Schwächen: Perfektionismus

Perfektionismus ist im Grunde nur ein schöneres Wort für Angst. Wir haben Angst, etwas falsch zu machen. Wir haben Angst, nicht gut genug zu sein. Angst davor, dass unsere Leistung nicht ausreicht. Aber wofür eigentlich? Welches Bedürfnis steckt dahinter? Wir wollen geliebt, wertgeschätzt und anerkannt werden. Und um das zu erreichen, versuchen wir, die perfekte Leistung (in verschiedensten Bereichen) zu erbringen. Wir glauben, dass wir es nur dann wert sind, geliebt zu werden, wenn wir etwas leisten – ein klares Anzeichen für ein statisches Selbstbild.

Persönliche Schwäche erkennen: Kontrollierst du alles doppelt und dreifach, damit dir auch ja kein Fehler unterläuft? Schiebst du schwierige Aufgaben eher auf, weil du Angst davor hast, zu versagen? Beschäftigen dich kleine Missgeschicke oft noch tagelang? Wiederholst du bestimmte Dinge so lange, bis sie in deinen Augen perfekt sind? Erledigst du Aufgaben lieber selbst, bevor du sie an andere abgibst? Fällt es dir schwer, Projekte zu beenden, weil du das Gefühl hast, dass sie noch nicht perfekt sind?

Passendes Gegenmittel: Lerne, deinen Selbstwert nicht mehr von deiner Leistung abhängig zu machen – dann kannst du dich auch vom Perfektionismus lösen. Hilfreich sind dabei vor allem Techniken, um dein Selbstbild positiv zu verändern. Praktische Übungen dazu sind im zweiten Teil dieser Buchserie („Stille zur Stärke machen“) zu finden.

Hier sind schon mal ein paar Gedankenanstöße dazu: Jeder Mensch macht es immer so gut, wie er kann. Akzeptiere, dass du es heute „nur“ so gut machen kannst, wie es deinem heutigen Kenntnisstand entspricht. Vielleicht lernst du morgen etwas Neues dazu, das ändert aber nichts daran, dass dein Ergebnis von gestern trotzdem gut genug war. Und nur, weil wir einmal etwas fertiggestellt haben, heißt das nicht, dass wir es nie wieder verändern dürfen.

Firmen aktualisieren ihre Logos auch nach einigen Jahren oder kreieren neue Slogans, um sie an den aktuellen Zeitgeist anzupassen. In der Modewelt gibt es jedes Jahr neue Trends und die Technik entwickelt sich so rasend schnell, dass ein heute brandneues Handymodell schon nächstes Jahr überholt ist.

Das trifft auch auf deinen Standpunkt zu: Du darfst deine Meinung ändern. Sie ist nicht in Stein gemeißelt, nur weil du sie einmal ausgesprochen hast.

Mit jedem Tag, jeder neuen Begegnung, jeder Erfahrung verändern wir uns. Wir lernen ständig Neues dazu, das unsere Sichtweisen beeinflusst. Nur, weil mich jemand vor drei Jahren gut gekannt hat, heißt das nicht, dass er mich heute immer noch gut kennt. Das ist ja letztendlich auch das Spannende an zwischenmenschlichen Beziehungen: Wir können einander immer wieder aufs Neue kennenlernen, genauso wie wir auch immer wieder neue Seiten an uns selbst entdecken werden.

Nr. 6 der persönlichen Schwächen: Zu viele Reize

Wenn wir zu vielen Eindrücken auf einmal ausgesetzt sind, wenn es um uns herum zu laut oder zu hektisch wird oder wir durch zu viel Schnelligkeit unter Druck gesetzt werden, verlieren wir ziemlich schnell ziemlich viel Energie. Irgendwann ist der Akku leer und wir machen einfach dicht. Darunter leiden natürlich vor allem unsere Kontakte, wenn wir in Gesprächen entweder gar nicht mehr richtig zuhören oder sie wegen solch schlechten Erfahrungen ganz vermeiden.

Das Schlimmste, was Introvertierte tun können, ist diese (vermeintliche) Schwäche zu verstecken. Wir müssen offen damit umgehen, dass wir immer wieder Auszeiten brauchen, um konzentriert zu bleiben.

Persönliche Schwäche erkennen: Wie geht es dir in großen Gesprächsrunden, in denen alle schnell und in hoher Lautstärke aufeinander einreden? Wünschst du dir Zeit zum Nachdenken, wenn jemand eine schnelle Entscheidung oder Reaktion von dir verlangt? Brauchst du nach einem langen Tag mit vielen Menschen Zeit für dich, um dich zu regenerieren?

Passendes Gegenmittel: Gutes Energiemanagement. Wenn wir wissen, was uns Energie gibt, können wir den Energieverlust bei sozialen Anlässen damit ausgleichen. Mehr dazu erfährst du im folgenden Kapitel.

Nr. 7 der persönlichen Schwächen: Konflikte vermeiden

„Mit dir kann man sich einfach nicht streiten!“ Diesen oder einen ähnlichen Satz haben viele Introvertierte schon einmal gehört. Was auf den ersten Blick sehr positiv scheint, verliert bei näherem Hinsehen seinen Glanz. Denn es liegt meistens nicht an der großen Friedfertigkeit, sondern vielmehr daran, dass wir uns nicht trauen, Dinge anzusprechen, die uns stören. Konfliktgespräche sind anstrengend, kosten viel Energie und wir wissen nicht, wie sie ausgehen. Es könnte dadurch auch schlimmer werden als vorher.

Für Introvertierte, die, wie wir ja wissen, ein hohes Sicherheitsbedürfnis haben, ist das dementsprechend ein großes Risiko. Also schlucken wir unseren Ärger eher hinunter und arrangieren uns mit der Situation. Die Vorteile liegen auf der Hand: Wir sparen uns den Energieaufwand, können die Kontrolle behalten und nach außen hin harmonisch mit unseren Mitmenschen umgehen.

Doch der Ärger über die Situation ist natürlich immer noch da und quält uns. Und das Schlimmste daran ist, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse nicht ernst nehmen. Wer sich selbst liebt und respektiert, scheut sich nicht davor, Dinge, die ihn wirklich belasten anzusprechen. Denn wir sind ganz allein dafür verantwortlich, dass es uns gut geht.

Persönliche Schwäche erkennen: Wie gehst du mit Konflikten um? Wenn dich das Verhalten von jemandem stört oder du wegen einer Situation so richtig wütend bist, schluckst du deinen Ärger eher hinunter? Vermeidest du Konflikte, weil du Angst vor dem Verlauf des Gespräches hast?

Passendes Gegenmittel: Lerne, wie du Konflikte so ansprichst, dass dein Gegenüber sich nicht angegriffen fühlt. Du kannst dafür zum Beispiel die vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation nutzen (1. Beobachtung: Sachliche Beschreibung, was passiert ist, 2. Gefühl: Wie fühle ICH mich dabei? 3. Bedürfnis: Welches Bedürfnis steckt hinter dem Gefühl? 4. Bitte: Wunsch für die Zukunft aussprechen).

Mehr dazu und weitere Möglichkeiten, ohne schlechtes Gewissen Grenzen zu setzen, zeige ich dir im zweiten Teil dieser Buchserie („Stille zur Stärke machen“).

Übung: Persönliche Schwächen erkennen

Notiere dir hier, was deine drei größten Schwächen sind. Nicht jeder Introvertierte hat die gleichen Schwächen und vielleicht fallen dir auch noch individuelle ein, die du dir hier aufschreiben möchtest.

Schreibe dir zuerst deine Schwäche auf und überlege dir dann, in welcher Situation du sie besonders oft wahrnimmst. Dann frage dich, welches Bedürfnis dahintersteckt – und welches Gegenmittel du deshalb für deine Schwäche bereitstellen kannst. (Mach dir dazu eine Tabelle mit vier Spalten: „Meine Schwäche“, „zeigt sich in diesen Momenten“, „Bedürfnis“ und „Gegenmittel“.)

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