Der ultimative Guide für Introvertierte und Schüchterne

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KAPITEL 1.9

Gedankenspiel: Das Introvertier in mir

Ich muss zugeben, als ich versucht habe, meine introvertierte Seite lieben zu lernen, fiel mir das ziemlich schwer. Dieses ganze Konzept mit der Introversion war mir einfach zu abstrakt. Ich hatte keinen wirklichen Bezug dazu, obwohl es ja im Grunde schon immer ein Teil von mir war. Ja, ich sehe mich als introvertiert und ja, ich habe oft das Bedürfnis, mich zurückzuziehen. Aber ich konnte diesen Teil von mir einfach nicht greifen.

Introversion ist eines dieser Wörter, zu denen uns nicht auf Anhieb ein Bild in den Sinn kommt. Es kann für jeden eine andere Bedeutung haben – je nachdem, was wir für eine Erfahrung damit gemacht haben. Bei Wörtern wie Apfel oder Tisch ist das ganz anders. Jeder weiß sofort, was gemeint ist und hat direkt ein Bild dazu vor Augen.

Dieses klare Bild hat mir bei der Introversion immer gefehlt, um wirklich etwas damit anfangen zu können. Vor allem, weil zu dem Thema auch noch viele falsche Annahmen umherschwirren (z. B. die, dass alle Introvertierten grundsätzlich schüchtern wären). Da weiß man erst mal gar nicht, was man sich darunter vorstellen soll.

Eine Metapher für die Introversion

Ich habe jahrelang keine Lösung dafür gefunden. Bis ich erkannt habe, wie selbstverständlich dieses Problem in der Werbung und in der Unterhaltungsindustrie angegangen wird: Hast du ein (zu) komplexes Konzept oder Produkt, nutze Bilder und Geschichten, um es zu veranschaulichen. Wir alle kennen die Marke, die mit der lila Kuh wirbt oder den Energy-Drink, durch den man Flügel bekommen soll. Die Marken bekommen durch diese Bilder ein Gesicht und der Nutzen des Produktes wird verdeutlicht.

Auch in anderen Bereichen wird dieses Hilfsmittel benutzt: Kennst du das Buch „Die Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estés?¹ Die Wolfsfrau ist hier das Sinnbild für die wilde, ungezähmte Urfrau – ein innerer Anteil, der die Kraft der weiblichen Urinstinkte nutzt. Es ist leichter, sich diese Urinstinkte vorzustellen, wenn sie von einer Figur verkörpert werden.

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem Begriff des „inneren Kindes“ aus der psychotherapeutischen Arbeit. Natürlich kann man einfach von dem inneren Anteil sprechen, in dem die Erfahrungen und Gefühle aus unserer Kindheit abgespeichert sind. Viel anschaulicher ist es aber, wenn wir dazu ein Bild geliefert bekommen: das innere Kind.

Okay, verstanden. Aber was für ein Bild, was für eine Metapher, können wir für die Introversion finden? Gar nicht so einfach, oder?

Es müsste etwas sein, das die Eigenarten und Bedürfnisse von Introvertierten verdeutlicht. Eine Figur, die eher ruhig ist und in ihrem eigenen Tempo vorangeht. Die geduldig ist und gut zuhören und beobachten kann. Die erst überlegt, bevor sie handelt. Die ihre Unabhängigkeit genießt und nicht ständig den Kontakt zu anderen ihrer Art braucht. Die das Bedürfnis hat, sich von Zeit zu Zeit zurückzuziehen.

Hast du gerade ein Bild dazu vor Augen? Wie sieht es aus?

Was eine Schildkröte mit Introversion zu tun hat

Ich habe mir bei dieser Beschreibung sofort eine Schildkröte vorgestellt. Warum? Es sind ruhige Tiere, die sich langsam, bedächtig und in ihrem eigenen Tempo fortbewegen. Ein ausgeprägtes Sozialverhalten haben Schildkröten nicht, sie sind eher Einzelgänger. Wenn sie ein Ziel vor Augen haben, dann bewegen sie sich geduldig, Schritt für Schritt darauf zu. Schildkröten können aber auch überraschend schnell sein: Bei Gefahr (oder wenn ihnen alles zu viel wird), ziehen sie sich blitzschnell in ihren Panzer zurück. Dieser Panzer symbolisiert einen Schutzraum, den sie immer bei sich tragen (etwas, das sich wohl jeder Introvertierte schon mal gewünscht hat). Und damit lehrt uns die Schildkröte eine wichtige Lektion über unser Selbstbewusstsein: Auch wir finden echten Halt und Schutz nur in uns selbst.

Trotzdem kommt die Schildkröte natürlich nicht vorwärts, wenn sie sich nur in ihrem Panzer verkriecht. Sie muss auch mal aus ihrem Haus herauskommen, wenn sie etwas Neues erleben und sich weiterentwickeln will. Sie kann sich ganz deutlich zwischen Innenwelt und Außenwelt entscheiden. Genau dieser Gedanke ist auch für Introvertierte ausschlaggebend: Ja, es ist wichtig, dass wir unserer ruhigen Art treu bleiben und unsere Bedürfnisse respektieren. Und gleichzeitig können wir uns auch erlauben, flexibel zu sein und hin und wieder mit der Welt um uns herum in Kontakt zu treten. Sonst entgehen uns eine Menge großartiger Möglichkeiten.

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Darf ich vorstellen? Das „Introvertier“

Durch dieses Bild konnte ich mit meiner Introversion endlich etwas anfangen. Und wenn ich mir den introvertierten Teil in mir als kleine Schildkröte vorstellte, war er mir auch gleich viel sympathischer.

Es ist ein Wesen, dessen Bedürfnisse ich verstehen konnte und mit dem ich Freundschaft schließen wollte. Was dann noch fehlte, war ein einprägsamer Name. Die „Hard Facts“, die klar auf der Hand lagen: Es ist ein Tier und es ist introvertiert. Was würde da also besser passen, als „das Introvertier“?

Wann immer ich in den nächsten Tagen das Bedürfnis hatte, mich zurückzuziehen und Kraft zu tanken, kam mir sofort der Gedanke: „Aha, das Introvertier in mir braucht jetzt Ruhe.“ Gleichzeitig war es mit dem Introvertier an meiner Seite auch viel leichter, meine ruhigen Stärken zu erkennen und zu nutzen. Wenn ich mich also mal wieder dabei ertappt hatte, mir in einer Situation extrovertierte Eigenschaften zu wünschen, fragte ich mich einfach: Was würde das Introvertier dazu sagen? Wie würde sich das Introvertier mit seiner natürlich ruhigen Art verhalten?

Ja, ich gebe zu, man kommt sich dabei erstmal ziemlich komisch vor. Aber ganz objektiv betrachtet, ist es einfach ein nützliches Werkzeug, um eine neue Perspektive einzunehmen. Und nur so können wir neue Wege entdecken, die uns sonst vielleicht gar nicht in den Sinn gekommen wären.

Für dich kann das Introvertier natürlich auch ein ganz anderes Tier sein (z. B. eine Eule, eine Katze oder ein Fantasiewesen). Schließlich lassen sich auch noch bei anderen Tieren ruhige Qualitäten finden, die ebenfalls zu Introvertierten passen. Worauf es letztendlich ankommt ist das Ergebnis.

Vielleicht geht es dir wie mir und du betrachtest deine ruhige Art auch schon lange als Feind und fragst dich, warum du nicht einfach extrovertierter sein kannst. Dann könnte das Bild vom inneren Introvertier dir ebenfalls dabei helfen, Freundschaft mit diesem vermeintlichen Feind zu schließen. Stell dir vor, es wäre der Sidekick-Charakter, der dir auf deiner persönlichen Heldenreise zur Seite steht. Wie der Drache Mushu (aus Mulan) oder der Affe Abu (aus Aladdin).

Ich für meinen Teil habe damit in kürzester Zeit etwas geschafft, was mir vorher jahrelang nicht gelungen ist: Dass ich meine introvertierte Art erst akzeptieren, dann mögen und schließlich lieben konnte.

1 Pinkola Estés, Clarissa: Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte. München: Heyne Verlag, 8. Aufl., 1997
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KAPITEL 1.9

Gedankenspiel: Das Introvertier in mir

Ich muss zugeben, als ich versucht habe, meine introvertierte Seite lieben zu lernen, fiel mir das ziemlich schwer. Dieses ganze Konzept mit der Introversion war mir einfach zu abstrakt. Ich hatte keinen wirklichen Bezug dazu, obwohl es ja im Grunde schon immer ein Teil von mir war. Ja, ich sehe mich als introvertiert und ja, ich habe oft das Bedürfnis, mich zurückzuziehen. Aber ich konnte diesen Teil von mir einfach nicht greifen.

Introversion ist eines dieser Wörter, zu denen uns nicht auf Anhieb ein Bild in den Sinn kommt. Es kann für jeden eine andere Bedeutung haben – je nachdem, was wir für eine Erfahrung damit gemacht haben. Bei Wörtern wie Apfel oder Tisch ist das ganz anders. Jeder weiß sofort, was gemeint ist und hat direkt ein Bild dazu vor Augen.

Dieses klare Bild hat mir bei der Introversion immer gefehlt, um wirklich etwas damit anfangen zu können. Vor allem, weil zu dem Thema auch noch viele falsche Annahmen umherschwirren (z. B. die, dass alle Introvertierten grundsätzlich schüchtern wären). Da weiß man erst mal gar nicht, was man sich darunter vorstellen soll.

Eine Metapher für die Introversion

Ich habe jahrelang keine Lösung dafür gefunden. Bis ich erkannt habe, wie selbstverständlich dieses Problem in der Werbung und in der Unterhaltungsindustrie angegangen wird: Hast du ein (zu) komplexes Konzept oder Produkt, nutze Bilder und Geschichten, um es zu veranschaulichen. Wir alle kennen die Marke, die mit der lila Kuh wirbt oder den Energy-Drink, durch den man Flügel bekommen soll. Die Marken bekommen durch diese Bilder ein Gesicht und der Nutzen des Produktes wird verdeutlicht.

Auch in anderen Bereichen wird dieses Hilfsmittel benutzt: Kennst du das Buch „Die Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estés?¹ Die Wolfsfrau ist hier das Sinnbild für die wilde, ungezähmte Urfrau – ein innerer Anteil, der die Kraft der weiblichen Urinstinkte nutzt. Es ist leichter, sich diese Urinstinkte vorzustellen, wenn sie von einer Figur verkörpert werden.

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem Begriff des „inneren Kindes“ aus der psychotherapeutischen Arbeit. Natürlich kann man einfach von dem inneren Anteil sprechen, in dem die Erfahrungen und Gefühle aus unserer Kindheit abgespeichert sind. Viel anschaulicher ist es aber, wenn wir dazu ein Bild geliefert bekommen: das innere Kind.

Okay, verstanden. Aber was für ein Bild, was für eine Metapher, können wir für die Introversion finden? Gar nicht so einfach, oder?

Es müsste etwas sein, das die Eigenarten und Bedürfnisse von Introvertierten verdeutlicht. Eine Figur, die eher ruhig ist und in ihrem eigenen Tempo vorangeht. Die geduldig ist und gut zuhören und beobachten kann. Die erst überlegt, bevor sie handelt. Die ihre Unabhängigkeit genießt und nicht ständig den Kontakt zu anderen ihrer Art braucht. Die das Bedürfnis hat, sich von Zeit zu Zeit zurückzuziehen.

Hast du gerade ein Bild dazu vor Augen? Wie sieht es aus?

Was eine Schildkröte mit Introversion zu tun hat

Ich habe mir bei dieser Beschreibung sofort eine Schildkröte vorgestellt. Warum? Es sind ruhige Tiere, die sich langsam, bedächtig und in ihrem eigenen Tempo fortbewegen. Ein ausgeprägtes Sozialverhalten haben Schildkröten nicht, sie sind eher Einzelgänger. Wenn sie ein Ziel vor Augen haben, dann bewegen sie sich geduldig, Schritt für Schritt darauf zu. Schildkröten können aber auch überraschend schnell sein: Bei Gefahr (oder wenn ihnen alles zu viel wird), ziehen sie sich blitzschnell in ihren Panzer zurück. Dieser Panzer symbolisiert einen Schutzraum, den sie immer bei sich tragen (etwas, das sich wohl jeder Introvertierte schon mal gewünscht hat). Und damit lehrt uns die Schildkröte eine wichtige Lektion über unser Selbstbewusstsein: Auch wir finden echten Halt und Schutz nur in uns selbst.

Trotzdem kommt die Schildkröte natürlich nicht vorwärts, wenn sie sich nur in ihrem Panzer verkriecht. Sie muss auch mal aus ihrem Haus herauskommen, wenn sie etwas Neues erleben und sich weiterentwickeln will. Sie kann sich ganz deutlich zwischen Innenwelt und Außenwelt entscheiden. Genau dieser Gedanke ist auch für Introvertierte ausschlaggebend: Ja, es ist wichtig, dass wir unserer ruhigen Art treu bleiben und unsere Bedürfnisse respektieren. Und gleichzeitig können wir uns auch erlauben, flexibel zu sein und hin und wieder mit der Welt um uns herum in Kontakt zu treten. Sonst entgehen uns eine Menge großartiger Möglichkeiten.

intropower introversion introvertier

Darf ich vorstellen? Das „Introvertier“

Durch dieses Bild konnte ich mit meiner Introversion endlich etwas anfangen. Und wenn ich mir den introvertierten Teil in mir als kleine Schildkröte vorstellte, war er mir auch gleich viel sympathischer.

Es ist ein Wesen, dessen Bedürfnisse ich verstehen konnte und mit dem ich Freundschaft schließen wollte. Was dann noch fehlte, war ein einprägsamer Name. Die „Hard Facts“, die klar auf der Hand lagen: Es ist ein Tier und es ist introvertiert. Was würde da also besser passen, als „das Introvertier“?

Wann immer ich in den nächsten Tagen das Bedürfnis hatte, mich zurückzuziehen und Kraft zu tanken, kam mir sofort der Gedanke: „Aha, das Introvertier in mir braucht jetzt Ruhe.“ Gleichzeitig war es mit dem Introvertier an meiner Seite auch viel leichter, meine ruhigen Stärken zu erkennen und zu nutzen. Wenn ich mich also mal wieder dabei ertappt hatte, mir in einer Situation extrovertierte Eigenschaften zu wünschen, fragte ich mich einfach: Was würde das Introvertier dazu sagen? Wie würde sich das Introvertier mit seiner natürlich ruhigen Art verhalten?

Ja, ich gebe zu, man kommt sich dabei erstmal ziemlich komisch vor. Aber ganz objektiv betrachtet, ist es einfach ein nützliches Werkzeug, um eine neue Perspektive einzunehmen. Und nur so können wir neue Wege entdecken, die uns sonst vielleicht gar nicht in den Sinn gekommen wären.

Für dich kann das Introvertier natürlich auch ein ganz anderes Tier sein (z. B. eine Eule, eine Katze oder ein Fantasiewesen). Schließlich lassen sich auch noch bei anderen Tieren ruhige Qualitäten finden, die ebenfalls zu Introvertierten passen. Worauf es letztendlich ankommt ist das Ergebnis.

Vielleicht geht es dir wie mir und du betrachtest deine ruhige Art auch schon lange als Feind und fragst dich, warum du nicht einfach extrovertierter sein kannst. Dann könnte das Bild vom inneren Introvertier dir ebenfalls dabei helfen, Freundschaft mit diesem vermeintlichen Feind zu schließen. Stell dir vor, es wäre der Sidekick-Charakter, der dir auf deiner persönlichen Heldenreise zur Seite steht. Wie der Drache Mushu (aus Mulan) oder der Affe Abu (aus Aladdin).

Ich für meinen Teil habe damit in kürzester Zeit etwas geschafft, was mir vorher jahrelang nicht gelungen ist: Dass ich meine introvertierte Art erst akzeptieren, dann mögen und schließlich lieben konnte.

1 Pinkola Estés, Clarissa: Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte. München: Heyne Verlag, 8. Aufl., 1997
ZUM VORIGEN KAPITEL
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Gedankenspiel: Das Introvertier in mir

Ich muss zugeben, als ich versucht habe, meine introvertierte Seite lieben zu lernen, fiel mir das ziemlich schwer. Dieses ganze Konzept mit der Introversion war mir einfach zu abstrakt. Ich hatte keinen wirklichen Bezug dazu, obwohl es ja im Grunde schon immer ein Teil von mir war. Ja, ich sehe mich als introvertiert und ja, ich habe oft das Bedürfnis, mich zurückzuziehen. Aber ich konnte diesen Teil von mir einfach nicht greifen.

Introversion ist eines dieser Wörter, zu denen uns nicht auf Anhieb ein Bild in den Sinn kommt. Es kann für jeden eine andere Bedeutung haben – je nachdem, was wir für eine Erfahrung damit gemacht haben. Bei Wörtern wie Apfel oder Tisch ist das ganz anders. Jeder weiß sofort, was gemeint ist und hat direkt ein Bild dazu vor Augen.

Dieses klare Bild hat mir bei der Introversion immer gefehlt, um wirklich etwas damit anfangen zu können. Vor allem, weil zu dem Thema auch noch viele falsche Annahmen umherschwirren (z. B. die, dass alle Introvertierten grundsätzlich schüchtern wären). Da weiß man erst mal gar nicht, was man sich darunter vorstellen soll.

Eine Metapher für die Introversion

Ich habe jahrelang keine Lösung dafür gefunden. Bis ich erkannt habe, wie selbstverständlich dieses Problem in der Werbung und in der Unterhaltungsindustrie angegangen wird: Hast du ein (zu) komplexes Konzept oder Produkt, nutze Bilder und Geschichten, um es zu veranschaulichen. Wir alle kennen die Marke, die mit der lila Kuh wirbt oder den Energy-Drink, durch den man Flügel bekommen soll. Die Marken bekommen durch diese Bilder ein Gesicht und der Nutzen des Produktes wird verdeutlicht.

Auch in anderen Bereichen wird dieses Hilfsmittel benutzt: Kennst du das Buch „Die Wolfsfrau“ von Clarissa Pinkola Estés?¹ Die Wolfsfrau ist hier das Sinnbild für die wilde, ungezähmte Urfrau – ein innerer Anteil, der die Kraft der weiblichen Urinstinkte nutzt. Es ist leichter, sich diese Urinstinkte vorzustellen, wenn sie von einer Figur verkörpert werden.

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem Begriff des „inneren Kindes“ aus der psychotherapeutischen Arbeit. Natürlich kann man einfach von dem inneren Anteil sprechen, in dem die Erfahrungen und Gefühle aus unserer Kindheit abgespeichert sind. Viel anschaulicher ist es aber, wenn wir dazu ein Bild geliefert bekommen: das innere Kind.

Okay, verstanden. Aber was für ein Bild, was für eine Metapher, können wir für die Introversion finden? Gar nicht so einfach, oder?

Es müsste etwas sein, das die Eigenarten und Bedürfnisse von Introvertierten verdeutlicht. Eine Figur, die eher ruhig ist und in ihrem eigenen Tempo vorangeht. Die geduldig ist und gut zuhören und beobachten kann. Die erst überlegt, bevor sie handelt. Die ihre Unabhängigkeit genießt und nicht ständig den Kontakt zu anderen ihrer Art braucht. Die das Bedürfnis hat, sich von Zeit zu Zeit zurückzuziehen.

Hast du gerade ein Bild dazu vor Augen? Wie sieht es aus?

Was eine Schildkröte mit Introversion zu tun hat

Ich habe mir bei dieser Beschreibung sofort eine Schildkröte vorgestellt. Warum? Es sind ruhige Tiere, die sich langsam, bedächtig und in ihrem eigenen Tempo fortbewegen. Ein ausgeprägtes Sozialverhalten haben Schildkröten nicht, sie sind eher Einzelgänger. Wenn sie ein Ziel vor Augen haben, dann bewegen sie sich geduldig, Schritt für Schritt darauf zu. Schildkröten können aber auch überraschend schnell sein: Bei Gefahr (oder wenn ihnen alles zu viel wird), ziehen sie sich blitzschnell in ihren Panzer zurück. Dieser Panzer symbolisiert einen Schutzraum, den sie immer bei sich tragen (etwas, das sich wohl jeder Introvertierte schon mal gewünscht hat). Und damit lehrt uns die Schildkröte eine wichtige Lektion über unser Selbstbewusstsein: Auch wir finden echten Halt und Schutz nur in uns selbst.

Trotzdem kommt die Schildkröte natürlich nicht vorwärts, wenn sie sich nur in ihrem Panzer verkriecht. Sie muss auch mal aus ihrem Haus herauskommen, wenn sie etwas Neues erleben und sich weiterentwickeln will. Sie kann sich ganz deutlich zwischen Innenwelt und Außenwelt entscheiden. Genau dieser Gedanke ist auch für Introvertierte ausschlaggebend: Ja, es ist wichtig, dass wir unserer ruhigen Art treu bleiben und unsere Bedürfnisse respektieren. Und gleichzeitig können wir uns auch erlauben, flexibel zu sein und hin und wieder mit der Welt um uns herum in Kontakt zu treten. Sonst entgehen uns eine Menge großartiger Möglichkeiten.

intropower introversion introvertier

Darf ich vorstellen? Das „Introvertier“

Durch dieses Bild konnte ich mit meiner Introversion endlich etwas anfangen. Und wenn ich mir den introvertierten Teil in mir als kleine Schildkröte vorstellte, war er mir auch gleich viel sympathischer.

Es ist ein Wesen, dessen Bedürfnisse ich verstehen konnte und mit dem ich Freundschaft schließen wollte. Was dann noch fehlte, war ein einprägsamer Name. Die „Hard Facts“, die klar auf der Hand lagen: Es ist ein Tier und es ist introvertiert. Was würde da also besser passen, als „das Introvertier“?

Wann immer ich in den nächsten Tagen das Bedürfnis hatte, mich zurückzuziehen und Kraft zu tanken, kam mir sofort der Gedanke: „Aha, das Introvertier in mir braucht jetzt Ruhe.“ Gleichzeitig war es mit dem Introvertier an meiner Seite auch viel leichter, meine ruhigen Stärken zu erkennen und zu nutzen. Wenn ich mich also mal wieder dabei ertappt hatte, mir in einer Situation extrovertierte Eigenschaften zu wünschen, fragte ich mich einfach: Was würde das Introvertier dazu sagen? Wie würde sich das Introvertier mit seiner natürlich ruhigen Art verhalten?

Ja, ich gebe zu, man kommt sich dabei erstmal ziemlich komisch vor. Aber ganz objektiv betrachtet, ist es einfach ein nützliches Werkzeug, um eine neue Perspektive einzunehmen. Und nur so können wir neue Wege entdecken, die uns sonst vielleicht gar nicht in den Sinn gekommen wären.

Für dich kann das Introvertier natürlich auch ein ganz anderes Tier sein (z. B. eine Eule, eine Katze oder ein Fantasiewesen). Schließlich lassen sich auch noch bei anderen Tieren ruhige Qualitäten finden, die ebenfalls zu Introvertierten passen. Worauf es letztendlich ankommt ist das Ergebnis.

Vielleicht geht es dir wie mir und du betrachtest deine ruhige Art auch schon lange als Feind und fragst dich, warum du nicht einfach extrovertierter sein kannst. Dann könnte das Bild vom inneren Introvertier dir ebenfalls dabei helfen, Freundschaft mit diesem vermeintlichen Feind zu schließen. Stell dir vor, es wäre der Sidekick-Charakter, der dir auf deiner persönlichen Heldenreise zur Seite steht. Wie der Drache Mushu (aus Mulan) oder der Affe Abu (aus Aladdin).

Ich für meinen Teil habe damit in kürzester Zeit etwas geschafft, was mir vorher jahrelang nicht gelungen ist: Dass ich meine introvertierte Art erst akzeptieren, dann mögen und schließlich lieben konnte.

1 Pinkola Estés, Clarissa: Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte. München: Heyne Verlag, 8. Aufl., 1997
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