Laut, spontan, kontaktfreudig und nie um einen Spruch verlegen – das war bis vor einigen Jahren das Ideal, dem ich nachgelaufen bin.

Denn ich selbst war stets das genaue Gegenteil: Ich habe mich in jeder sozialen Situation unsicher gefühlt. Auf einer Party mit fremden Leuten ins Gespräch kommen? Undenkbar! In der Schule, der Uni oder im Job einen Vortrag halten? Der blanke Horror! Jemanden anrufen, den ich nicht kannte? Ich wäre lieber auf der Stelle im Boden versunken, als am Telefon improvisieren zu müssen.

Extrovertierter werden – wie geht denn das?

„Warum bist du so still?“

„Du musst mehr aus dir herauskommen!“

Welcher leise Mensch kennt Sätze wie diesen nicht? Es scheint, als hätten wir in dieser lauten Welt einen Nachteil durch unser stilles Wesen und müssten uns dringend ändern.

Auch ich war fest davon überzeugt, dass mit mir etwas nicht stimmte. Und die Erwartungen von meinem Umfeld haben mich immer mehr in dem Wunsch bestärkt, extrovertierter zu werden.

Also ging ich regelmäßig mit Freunden auf Partys, suchte mir einen Nebenjob, bei dem ich mit vielen Menschen zu tun hatte und ersetzte mein vorher eher schlichtes Aussehen durch ein, nun ja, sagen wir mal besonders außergewöhnliches Styling. Damit wollte ich nach außen hin selbstsicherer wirken und hoffte, dass sich das auch auf mein inneres Selbstbewusstsein auswirken würde. Gleichzeitig schaute ich mir Verhaltensweisen von Extrovertierten ab. Ich versuchte, schneller zu reagieren, lauter zu sein, offener auf andere Menschen zuzugehen und mich unter vielen Menschen wohl zu fühlen. Im Grunde setzte ich mir eine Maske auf, um so zu sein, wie ich dachte, dass die anderen mich haben wollten.
Das Ganze funktionierte natürlich nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Denn so sehr ich auch versuchte, aus mir herauszukommen – in kritischen Situationen bröckelte die Fassade und meine Schüchternheit war wieder da. Ganz zu schweigen davon, dass es mich eine Menge Energie gekostet hat, ständig unter Menschen zu sein.

Irgendwann redete ich mir schließlich ein, dass ich eben einfach schüchtern sei und nichts daran ändern könnte. Ich ging von einem Extrem ins nächste über und vermied soziale Situationen so gut ich konnte. Heute weiß ich: Es war die perfekte Ausrede für mich, dem aus dem Weg zu gehen, was mir Angst machte.

Das eigentliche Problem

Die Lösung des Problems war an ganz anderer Stelle zu finden. Lange Zeit wusste ich nämlich gar nicht, dass es einen Unterschied zwischen Schüchternheit und Introversion gibt.

Ich dachte, dass ich einfach mit der ständigen Angst, etwas Falsches zu sagen, kritisiert oder zurückgewiesen zu werden, leben müsste.
Ich war mir sicher, dass ich mich damit abfinden müsste, rot zu werden, sobald sich die Aufmerksamkeit auf mich richtet.
Ich glaubte fest daran, dass ich nichts daran ändern könnte, dass mir jedes Mal die Worte fehlten, wenn ich mit anderen Menschen in Kontakt kommen wollte.

Du kannst dir sicher vorstellen, wie frustrierend das war. Als wäre da eine unsichtbare Wand, die in diesen Momenten zwischen mir und anderen Menschen stand.
Und jedes Mal, wenn ich es wieder nicht geschafft habe, diese Wand zu durchbrechen, kamen die negativen Gedanken: „Es kann doch nicht so schwierig sein. Andere Menschen schaffen es ja schließlich auch!“

Mein Schlüsselmoment

Das entscheidende Puzzleteil lieferte mir schließlich meine Mutter, als wir uns über meine Schüchternheit unterhielten. Ich erklärte ihr, dass ich oft einfach nicht wüsste, was ich sagen sollte, wenn ich mit anderen Menschen in Kontakt kommen wollte. Sie überlegte kurz und meinte dann: „Eigentlich komisch, wenn man bedenkt, dass du als Kind nie Probleme damit hattest. Da hast du wie ein Wasserfall geredet.“

Daran konnte ich mich gar nicht erinnern. Ich hatte angenommen, dass ich schon immer so gewesen war und die Schüchternheit ganz einfach zu mir gehörte. Doch diese neue Information veränderte meine Sichtweise. Und ich war mir sicher: Wenn es früher einmal einen Teil in mir gegeben hatte, der spielend leicht mit anderen Menschen in Kontakt kommen konnte, dann musste es auch möglich sein, diesen Teil wieder hervorzuholen.

Ich hielt mir noch einmal vor Augen, wie sehr mich mein schüchternes Verhalten im Alltag blockierte. Und nicht nur dort, sondern vor allem auch, wenn es darum ging, mich weiterzuentwickeln. Die Schüchternheit verbaute mir sämtliche Möglichkeiten, neue Leute kennenzulernen oder neue Dinge auszuprobieren. Davon mal abgesehen konnte es auch nicht so gesund sein, jeden Tag Nervosität, Angst und Stress ausgesetzt zu sein. Das waren für mich genug Gründe, endlich etwas zu ändern.

Von da an machte ich mich auf die Suche nach Strategien, mit denen ich meine Schüchternheit überwinden und mein Selbstbewusstsein stärken konnte. Dabei habe ich auch endlich verstanden, was Introversion ist und was nicht. Und was die Schüchternheit damit zu tun hat.

Der Unterschied zwischen Introversion und Schüchternheit

Schüchterne Menschen wünschen sich mehr Kontakt zu anderen Menschen, werden aber von ihren Ängsten daran gehindert. Introvertierte Menschen dagegen haben von Natur aus ein geringeres Bedürfnis nach sozialen Kontakten und genießen es, auch mal Zeit für sich allein zu haben.

Schüchternheit beruht meistens auf Angst. Introversion ist eine (vollkommen gesunde) Persönlichkeitseigenschaft.

Endlich hatte ich erkannt: Es ist vollkommen in Ordnung, introvertiert zu sein. Das einzige Problem war mein schüchternes Verhalten. Und dieses Verhalten, das ich mir irgendwann einmal antrainiert hatte, konnte ich mir auch wieder abtrainieren.

Als ich das verstanden hatte, fiel eine riesige Last von mir ab. Ich konnte also meine Schüchternheit überwinden, ohne mich dabei verstellen zu müssen.

Mit leisen Schritten zum Ziel

Ich fing an, mich mit meinen Stärken, Werten, Leidenschaften und Zielen zu beschäftigen. Ich probierte verschiedenste Meditations- und Coaching-Übungen aus und versuchte meinen eigenen Weg zu finden. Herauszufinden, was sich für mich richtig anfühlte. Dabei achtete ich mehr und mehr darauf, meine ruhige Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen – und erkannte, dass es sogar richtig toll ist, introvertiert zu sein! Ich habe in dieser Zeit eine Menge über mich selbst erfahren und mein Selbstvertrauen auf ein ganz neues Level gebracht.

Mir wurde bewusst, dass wir Introvertierten unsere ganz eigene, ruhige und kraftvolle Form von Selbstbewusstsein und Charisma entwickeln können. Und dazu müssen wir nicht laut, impulsiv und überschwänglich sein, wie unsere extrovertierten Freunde.

Warum du aufhören solltest, extrovertiert sein zu wollen

Warum macht es Sinn, deinen Wunsch, extrovertierter sein zu wollen, lieber loszulassen? Ganz einfach: Wir können unsere Persönlichkeit nicht verändern. Und uns Verhaltensweisen anzueignen, die nicht zu uns passen, wird uns (langfristig) nicht die Anerkennung oder Aufmerksamkeit bringen, die wir uns wünschen. Denn unser Umfeld wird schnell merken, dass wir uns verstellen und vorgeben, jemand anderes zu sein.

Wäre es nicht viel schöner, wenn du genau die Menschen um dich hättest, die dich mit deiner introvertierten Art mögen und wertschätzen? Bei denen du einfach du selbst sein kannst, ohne dich dafür rechtfertigen zu müssen? Diese Menschen wirst du nur finden, wenn du dich ihnen auch genauso zeigst, wie du bist. Woher sollen sie sonst wissen, dass sie bei dir an richtigen Adresse sind? Also steh dazu, dass du introvertiert bist. Schließlich ist unsere Introvertiertheit nichts Schlechtes – ganz im Gegenteil:

Es ist großartig, introvertiert zu sein!

Warum?

Wir sind nicht auf den ständigen Austausch mit anderen Menschen angewiesen und fühlen uns sogar wohl, wenn wir mal alleine sein können. Wenn wir ein Problem haben, können wir durch unser analytisches Denken und Reflektieren auch sehr gut allein auf die Lösung kommen. Außerdem ist uns so gut wie nie langweilig, weil wir uns in unserer eigenen Innenwelt wohlfühlen und schon das Lesen eines Buches, das Musikhören oder ein Spaziergang in der Natur ausreicht, um unsere Energiereserven aufzufüllen.

Aber natürlich brauchen auch wir ab und zu den Kontakt zu anderen Menschen. Dabei können wir gut zuhören und sagen selbst nur dann etwas, wenn wir auch wirklich etwas zu sagen haben. Und wenn es z. B. auf der Arbeit einmal stressig wird, strahlen wir immer noch Ruhe aus und können gut durchdachte Entscheidungen treffen. Weitere Stärken von Introvertierten findest du in diesem Artikel.

Begrüße deine Introversion und verabschiede dich von deiner Schüchternheit

Ich weiß, das ist natürlich gar nicht so einfach, wie es klingt. Aber ich verspreche dir: Es lohnt sich, diesen Weg (Schritt für Schritt) zu gehen.

P.S: Im Vergleich zu meinem schüchternen Ich von vor einigen Jahren, bin ich heute sehr viel selbstbewusster. Aber genau wie du, bin ich auch immer noch auf dem Weg, mich weiterzuentwickeln. Dabei probiere ich laufend neue Strategien und Techniken aus, gehe durch meine Ängste, Zweifel und Unsicherheiten hindurch, erlebe Erfolge und Misserfolge – und vor allem lerne ich aus all dem eine Menge.

Auf Intropower teile ich meine Erfahrungen mit dir, damit du noch schneller vorankommst und auch schon bald sagen kannst: Ich bin glücklich introvertiert!

Vivien introvertiert selbstbewusst