Kennst du das, wenn du dich nach einem Meeting auf der Arbeit vollkommen ausgelaugt fühlst? Wenn du bei einem Gespräch einfach nicht mehr zuhören kannst? Oder wenn du beim Einkaufen/der Shoppingtour/dem Clubbesuch von gefühlt Hunderten von Leuten umgeben bist, die dir immer mehr deiner Energie entziehen?

Willkommen im Club der Introvertierten! Für uns ist es ganz normal, dass wir durch viele äußere Eindrücke Energie verlieren und unsere Akkus nach einiger Zeit wieder aufladen müssen. Du bist damit nicht allein. Es gibt eine Menge Menschen, denen es genauso geht – mich eingeschlossen. Wenn mein Energielevel in den Keller sinkt, werde ich müde, nervös, ungeduldig, kann mich schlechter konzentrieren und fühle mich einfach total ausgelaugt. Oft reicht schon eine einzige solcher Situationen, um mich für den ganzen restlichen Tag regelrecht auszuknocken. Vielleicht geht es dir ähnlich.

Was können wir dagegen tun? Natürlich ist es nicht immer möglich, Smalltalk, einer Präsentation oder einem Business-Meeting aus dem Weg zu gehen und das soll auch gar nicht unser Ziel sein. Stattdessen können wir unsere Energiegeber nutzen, um unsere Akkus vor, während oder nach solchen Situationen aufzuladen. Auf diese Weise werfen uns solche Situationen nicht mehr so leicht aus der Bahn. Doch dazu müssen wir natürlich erst einmal wissen, was uns eigentlich im Alltag Energie gibt. Wie du das herausfindest, erfährst du in diesem Artikel.

Eine Frage der Energie: Der Unterschied zwischen Introvertierten und Extrovertierten

Einer der größten Unterschiede zwischen Introvertierten und Extrovertierten liegt in der Art ihrer Energiegewinnung.

Wenn Introvertierte mit anderen Menschen (vor allem mit größeren Gruppen) zusammen sind, müssen sie einen Teil ihrer eigenen Energie dafür investieren. Ihr innerer Akku entlädt sich durch die soziale Interaktion. Er muss hinterher – durch z. B. ruhige Aktivitäten oder das Alleinsein – wieder aufgeladen werden. Extrovertierte dagegen können Energie aus dem Austausch mit ihren Mitmenschen und der Welt um sich herum ziehen.

In den Köpfen von Introvertierten geht auch ohne äußere Ereignisse schon eine Menge vor. Wenn dann zu dem ohnehin schon intensiven inneren Erleben noch verstärkt äußere Reize dazukommen (wie z. B. bei Gesprächen mit vielen Menschen), kann es schnell passieren, dass es ihnen zu viel wird. Sie brauchen dann erst einmal eine gewisse Ruhezeit, um all diese Eindrücke zu verarbeiten.¹

Wie die Energie von Introvertierten verloren geht

Aber nicht nur durch den Kontakt zu vielen Menschen verlieren Introvertierte ihre Energie. Auch das generelle Herauswagen aus der eigenen Komfortzone gehört dazu. Denn wenn wir uns dazu überwinden, etwas anders zu machen als sonst, wissen wir nicht, was passieren wird. Das Gehirn muss auf etwas Unerwartetes reagieren. Und das kostet Energie. Bei Introvertierten sogar noch mehr als bei Extrovertierten.

Susan Cain beschreibt Introvertierte als sicherheitsorientiert und Extrovertierte als belohnungsorientiert.² So versuchen Introvertierte, Risiken weitestgehend auszuschließen und auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Bei einem Schritt aus der Komfortzone gehen wir schließlich hinein ins Ungewisse und müssen damit ein Stückweit unsere Sicherheit aufgeben. Das bedeutet für Introvertierte Stress und Energieverlust.
Bei Extrovertierten sieht das etwas anders aus: Sie sind belohnungsorientiert. Wenn sie die Aussicht auf eine Belohnung haben, nehmen sie Risiken eher in Kauf. Sicherheit ist für sie dabei nicht ganz so wichtig und oft verleiht ihnen der Sprung ins Ungewisse sogar noch zusätzliche Energie.

Manchmal ist es notwendig, aus der eigenen Komfortzone zu gehen – für den Beruf, die sozialen Kontakte oder die persönliche Weiterentwicklung. Wichtig ist dabei nur, dass wir uns der Auswirkungen bewusst sind. Damit wir uns dann zwischendurch oder hinterher eine Auszeit gönnen können, in denen wir unsere Energie wieder zurückbekommen.

Auszeit ist nicht gleich Auszeit

Nun könnte man davon ausgehen, dass Introvertierte in solchen Fällen einfach nur genügend Zeit brauchen, in der sie alleine sind. Doch nur das reicht noch nicht aus, um effektiv Energie zu tanken. Auch die Qualität dieser Auszeit ist ein wichtiger Faktor.

Ich kann mir zwei Stunden Zeit für mich allein nehmen und diese zum Beispiel damit verbringen, mich durch Social Media zu scrollen, fernzusehen oder zu arbeiten. Ich werde mich nach diesen zwei Stunden nicht wirklich erholt fühlen, auch wenn ich die ganze Zeit über alleine war.
Wenn ich diese zwei Stunden aber dafür nutze, ein gutes Buch zu lesen, selbst etwas zu schreiben, zu zeichnen, Musik zu hören oder einfach nur meinen Gedanken nachzuhängen – dann lade ich damit meine Akkus auf.

Jeder Introvertierte hat andere Energiequellen

In Sachen Energiequellen gibt es natürlich von Introvertiertem zu Introvertiertem große Unterschiede. Das, was mir Energie gibt, kann für dich total langweilig sein. Deshalb ist es so wichtig, deine persönlichen Energiegeber zu finden. Wenn du diese nämlich kennst, kannst du sie im Alltag für dich nutzen, um dich in sozialen Situationen (z. B. bei einem Business Meeting mit Kollegen oder bei Treffen mit Freunden) konzentrierter und energiegeladener zu fühlen.

8,5 Wege für Introvertierte, um neue Energie zu tanken

1. Tagebuch schreiben
Mit einem Tagebuch können wir unsere Gedanken und Gefühle sortieren, Erlebnisse reflektieren und alles herunterschreiben, was uns im Kopf herumschwirrt. Auch das Schreiben von Geschichten ist für mich ein ultimativer Energiegeber, weil ich auf diese Weise meine Gefühle ausdrücken und verarbeiten kann.

2. Meditieren
Egal ob wir uns auf den Atem fokussieren, unseren eigenen Körper achtsam wahrnehmen oder uns mit einer geführten Meditation in einen entspannten Zustand versetzen: Wir fokussieren uns auf unser Innenleben und schalten die Außenwelt für eine kurze Zeit aus. Das wirkt Wunder, wenn unser Energielevel zu weit gesunken ist.
Das ist übrigens auch an einem stressigen Tag zwischendurch sehr gut einsetzbar: Selbst wenn ich nur eine Minute die Augen schließe und meinen Atem beobachte, gibt mir das eine Menge Energie zurück.

3. Spazierengehen oder andere etwas ruhigere Bewegungen (Yoga, tanzen, usw.)
Wenn wir unseren Körper in Bewegung bringen, hilft uns das dabei, Stresshormone schneller abzubauen. Manche Introvertierten schwören auf einen Spaziergang, andere brauchen etwas mehr Bewegung und machen eine Runde Sport, um den Kopf frei zu bekommen. Auch ein paar Dehnübungen am Arbeitsplatz können uns neue Energie verleihen.

4. Deine inneren und äußeren Kraftorte
Hast du einen bestimmten Ort, an den du gehen kannst und sofort neue Energie bekommst? Welcher Ort kommt dir da als erstes in den Sinn? Vielleicht ist es der Wald, das Meer, ein Park oder auch einfach nur dein Sofa oder dein Bett. Welcher Ort auch immer es ist, du kannst ihn nutzen, um deine Akkus gezielt wieder aufzuladen – übrigens auch gedanklich, wenn du nicht direkt physisch an diesen Ort kommst.

5. Musikhören
Kopfhörer auf, Musik an, Welt aus. Manchmal sind Introvertierte so in ihrem eigenen Gedankenkarussell gefangen, dass sie einfach nicht abschalten können. Musik ist da ein wundervolles Werkzeug, um sich einfach von den Klängen und dem Text mitnehmen zu lassen und die eigenen Gedanken zu übertönen. Und ich bin mir sicher, du hast es selbst schon einmal erlebt, dass ein bestimmter Song dich von jetzt auf gleich in eine andere Stimmung versetzt hat. Die perfekte Möglichkeit, um neue Energie zu tanken und den Stress des Alltags loszulassen.

Kopfhörer und Musik sind auch meine Rettungsanker in lauter Arbeitsumgebung (z. B. im Großraumbüro). Musik mit Text lenkt mich zwar vom Arbeiten ab, aber es gibt ja z. B. auch wunderbare Filmmusik oder Naturgeräusche. Mit deren Hilfe kannst du deine laute Umgebung sanft ausschalten und wieder entspannt und fokussiert arbeiten – ohne Energie zu verlieren.

6. Lesen
Bücher sind bei Introvertierten sehr beliebt, um neue Energie zu schöpfen – bei mir übrigens auch. Ich liebe es, auf diese Weise gedanklich in eine andere Welt abzutauchen. Auch mit einem spannenden Hörbuch funktioniert das perfekt.

7. Ein Bad nehmen
Auch eine tolle Möglichkeit: Das heiße Wasser entspannt die Muskeln, wir können mit einem gut duftenden Badezusatz und Kerzenlicht unsere Stimmung beeinflussen und ganz entspannt unseren eigenen Gedanken nachhängen.

8. Künstlerische Aktivitäten (Zeichnen, Malen, ein Instrument spielen, backen, nähen, usw.)
Häufig haben Introvertierte großen Spaß daran, etwas Künstlerisches zu erschaffen und ihre Kreativität auszuleben. Da kommt es uns zugute, dass wir uns lange Zeit mit einer Sache beschäftigen können, ohne dass uns langweilig wird. Künstlerische Aktivitäten können uns dabei helfen, unsere Gedanken und Gefühle auf unsere ganz eigene Art auszudrücken und zu verarbeiten. Und da wir in diesem Prozess stark mit unserer Innenwelt verbunden sind (bewusst oder unbewusst), können wir neue Kraft daraus schöpfen.

8,5 Computerspiele
Auch Computerspiele können Introvertierten Energie geben. Denn hier ist es ähnlich wie bei Büchern: Wir tauchen ein in eine andere Welt und können so den Stress abschalten. Da kommt es natürlich ganz auf das Spiel an. Finde eins, das dir wirklich Spaß macht und bei dem du die Zeit für eine Weile vergessen kannst. Es muss sich für dich gut anfühlen.

Übung: Deine persönlichen Energiegeber

Mach dir eine Liste mit den Dingen, die dir Energie geben. Bei einigen Sachen weißt du vielleicht schon intuitiv, dass sie gut für dich sind. Andere musst du vielleicht erst noch ausprobieren. Achte darauf, wie du dich davor und danach fühlst und entscheide dann, ob du die Aktivität zu deinen Energiegebern zählen kannst oder nicht.

Mit so einer Liste bist du bestens gewappnet für alle Situationen, bei denen du besonders viel deiner Energie investieren musst.

Quellenangaben:

1 Vgl. Löhken, Sylvia: Leise Menschen – starke Wirkung: Wie Sie Präsenz zeigen und Gehör finden. Piper Verlag, München/Berlin, 2. Aufl., 2016

2 Vgl. Cain, Susan: Still: Die Kraft der Introvertierten. München: Wilhelm Goldmann Verlag, 2013