Wie du voller Energie durch den Tag gehst (auch wenn du mit vielen Menschen zusammen bist)

2018-08-23T10:05:10+00:00

Kennst du das, wenn du dich nach einem Meeting auf der Arbeit vollkommen ausgelaugt fühlst? Wenn du bei einem Gespräch einfach nicht mehr zuhören kannst? Oder wenn du beim Einkaufen/der Shoppingtour/dem Clubbesuch von gefühlt hunderten von Leuten umgeben bist, die dir immer mehr deiner Energie entziehen?

Willkommen im Club der Introvertierten! Für uns ist es ganz normal, dass wir durch viele äußere Eindrücke Energie verlieren und unsere Akkus nach einiger Zeit wieder aufladen müssen. Du bist damit nicht allein, es gibt noch viele tausend andere Introvertierte, denen es genauso geht – mich eingeschlossen. Wenn mein Energielevel in den Keller sinkt, werde ich müde, nervös, ungeduldig, kann mich schlechter konzentrieren und fühle mich einfach total ausgelaugt. Oft reicht schon eine einzige solcher Situationen, um mich für den ganzen restlichen Tag regelrecht auszuknocken. Vielleicht geht es dir ähnlich.

Was können wir dagegen tun? Natürlich ist es nicht immer möglich, Smalltalk, einer Präsentation oder einem Business-Meeting aus dem Weg zu gehen und das soll auch gar nicht unser Ziel sein. Stattdessen brauchen wir einfache Strategien, die uns dabei helfen, uns von solchen Situationen nicht mehr so leicht aus der Bahn werfen zu lassen. Wie solche Strategien aussehen können und wie du die für dich Passenden findest, erfährst du in diesem Artikel.

Eine Frage der Energie

Einer der größten Unterschiede zwischen Introvertierten und Extrovertierten liegt in der Art ihrer Energiegewinnung.

Wenn Introvertierte mit anderen Menschen (vor allem mit größeren Gruppen) zusammen sind, müssen sie einen Teil ihrer eigenen Energie dafür investieren. Ihr innerer Akku entlädt sich durch die soziale Interaktion und muss hinterher – durch z.B. ruhige Aktivitäten oder das Alleinsein – wieder aufgeladen werden.
Extrovertierte dagegen brauchen die Nähe zu anderen Menschen, um ihre Akkus aufzuladen. Sie ziehen Energie aus dem Austausch mit ihren Mitmenschen.

Sylvia Löhken (2016) erklärt in ihrem Buch Leise Menschen – starke Wirkung, dass in den Köpfen von Introvertierten auch ohne äußere Ereignisse schon mehr vor sich geht, als in denen von Extrovertierten. Wenn bei Introvertierten also zu einem ohnehin schon intensiven inneren Erleben noch verstärkte äußere Reize dazukommen, wie z.B. bei Gesprächen mit vielen Menschen, kann es schnell passieren, dass es ihnen zu viel wird. Sie brauchen dann erst einmal eine gewisse Ruhezeit, um all diese Eindrücke zu verarbeiten.

Wie die Energie von Introvertierten verloren geht

Aber nicht nur durch den Kontakt zu vielen Menschen verlieren Introvertierte ihre Energie. Auch das generelle Herauswagen aus der eigenen Komfortzone gehört dazu. Denn wenn wir uns dazu überwinden, etwas ein bisschen anders zu machen als sonst oder sogar etwas komplett Neues zu tun, wissen wir nicht, was passieren wird. Das Gehirn muss auf etwas Unerwartetes reagieren. Und das kostet Energie. Bei Introvertierten sogar noch mehr als bei Extrovertierten.

Susan Cain (2013) beschreibt Intros als sicherheitsorientiert und Extros als belohnungsorientiert. So versuchen Introvertierte, alle Risiken weitestgehend auszuschließen und auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Da wir bei einem Schritt aus der Komfortzone hinein ins Ungewisse gehen und damit ein stückweit unsere Sicherheit aufgeben müssen, bedeutet das für Introvertierte Stress und Energieverlust.
Bei Extrovertierten sieht das etwas anders aus: Sie sind belohnungsorientiert. Wenn sie die Aussicht auf eine Belohnung haben, nehmen sie Risiken eher in Kauf. Sicherheit ist für sie dabei nicht ganz so wichtig und oft verleiht ihnen der Sprung ins Ungewisse sogar noch zusätzliche Energie.

Manchmal ist es notwendig, aus der eigenen Komfortzone zu gehen – für den Beruf, die sozialen Kontakte oder die persönliche Weiterentwicklung. Wichtig ist dabei nur, dass wir uns der Auswirkungen bewusst sind und uns zwischendurch oder hinterher eine Auszeit gönnen, in denen wir uns unsere Energie wieder zurückholen können.

Auszeit ist nicht gleich Auszeit

Nun könnte man davon ausgehen, dass Introvertierte in solchen Fällen einfach nur genügend Zeit brauchen, in der sie alleine sind. Doch nur das reicht noch nicht aus, um effektiv Energie zu tanken. Auch die Qualität dieser Auszeit ist ein wichtiger Faktor.

Ich kann mir zwei Stunden Zeit für mich allein nehmen und diese zum Beispiel damit verbringen, mich durch Social Media zu scrollen, fernzusehen oder zu arbeiten. Ich werde mich nach diesen zwei Stunden nicht wirklich erholt fühlen, auch wenn ich die ganze Zeit über alleine war.
Wenn ich diese zwei Stunden aber dafür nutze, ein gutes Buch zu lesen, selbst etwas zu schreiben, zu zeichnen, Musik zu hören oder einfach nur meinen Gedanken nachzuhängen – dann lade ich damit meine Akkus auf.

Jeder Introvertierte hat andere Energiequellen

Dabei gibt es natürlich von Intro zu Intro große Unterschiede. Das, was mir Energie gibt, kann für einen anderen Introvertierten total langweilig sein. Deshalb ist es so wichtig, deine persönlichen Energiegeber zu finden. Wenn du diese nämlich kennst, kannst du sie im Alltag für dich nutzen, um dich in sozialen Situationen (z.B. bei einem Business Meeting mit Kollegen oder Treffen mit Freunden) besser und energiegeladener zu fühlen.

8,5 intro-freundliche Wege, um neue Energie zu tanken

1. Tagebuch schreiben
Mit einem Tagebuch können wir unsere Gedanken und Gefühle sortieren, Erlebnisse reflektieren und alles herunterschreiben, was uns im Kopf herumschwirrt. Für mich ist auch das Schreiben von Geschichten ein ultimativer Energiegeber.

2. Meditieren
Egal ob wir uns auf den Atem fokussieren, unseren eigenen Körper achtsam wahrnehmen oder uns mit einer geführten Meditation in einen entspannten Zustand versetzen: Wir fokussieren uns auf unser Innenleben und schalten die Außenwelt für eine kurze Zeit aus. Das wirkt Wunder, wenn unser Energielevel zu weit gesunken ist.

Das ist übrigens auch an einem stressigen Tag zwischendurch sehr gut einsetzbar: Selbst wenn ich nur eine Minute die Augen schließe und meinen Atem beobachte, gibt mir das eine Menge Energie zurück.

3. Spazierengehen oder andere ruhige Bewegungen (Yoga, Tai Chi, tanzen, usw.)
Wenn wir unseren Körper in Bewegung bringen, hilft uns das dabei, Stresshormone schneller abzubauen. Manche Introvertierte schwören auf einen Spaziergang, andere brauchen etwas mehr Bewegung und machen eine Runde Sport, um den Kopf frei zu bekommen. Auch ein paar Dehnübungen am Arbeitsplatz können uns neue Energie verleihen.

4. Dein Kraftort
Hast du einen bestimmten Ort, an den du gehen kannst und sofort neue Energie bekommst? Welcher Ort kommt dir da als erstes in den Sinn? Vielleicht ist es der Wald, das Meer, ein Park oder auch einfach nur dein Sofa oder dein Bett. Welcher Ort auch immer es ist, du kannst ihn nutzen, um deine Akkus gezielt wieder aufzuladen – übrigens auch gedanklich, wenn du nicht direkt physisch an diesen Ort kommst.

5. Musikhören
Kopfhörer auf, Musik an, Welt aus. Manchmal sind Introvertierte so in ihrem eigenen Gedankenkarussell gefangen, dass sie einfach nicht abschalten können. Musik ist da ein wundervolles Werkzeug, um sich einfach von den Klängen und dem Text mitnehmen zu lassen und die eigenen Gedanken zu übertönen. Und ich bin mir sicher, du hast es selbst schon einmal erlebt, dass ein bestimmter Song dich von jetzt auf gleich in eine andere Stimmung versetzt hat. Die perfekte Möglichkeit, um neue Energie zu tanken und den Stress des Alltags loszulassen.

Kopfhörer und Musik sind auch meine Rettungsanker in lauter Arbeitsumgebung (z.B. im Großraumbüro). Musik mit Text lenkt mich zwar vom Arbeiten ab, aber es gibt ja z.B. auch wunderbare Filmmusik oder Naturgeräusche. Mit deren Hilfe kannst du deine laute Umgebung sanft ausschalten und wieder entspannt und fokussiert arbeiten – ohne Energie zu verlieren.

6. Lesen
Bücher sind bei Introvertierten sehr beliebt, um neue Energie zu schöpfen– bei mir übrigens auch. Ich liebe es, auf diese Weise gedanklich in eine andere Welt abzutauchen. Auch mit einem spannenden Hörbuch funktioniert das perfekt.

7. Ein Bad nehmen
Auch eine tolle Möglichkeit: Das heiße Wasser entspannt die Muskeln, wir können mit einem gut duftenden Badezusatz und Kerzenlicht unsere Stimmung beeinflussen und ganz entspannt unseren eigenen Gedanken nachhängen.

8. Künstlerische Aktivitäten (Zeichnen, Malen, ein Instrument spielen, backen, nähen, usw.)
Häufig haben Introvertierte großen Spaß daran, etwas Künstlerisches zu erschaffen und ihre Kreativität auszuleben. Da kommt es uns zugute, dass wir uns lange Zeit mit einer Sache beschäftigen können, ohne dass uns langweilig wird. Künstlerische Aktivitäten können uns dabei helfen, unsere Gedanken und Gefühle auf unsere ganz eigene Art auszudrücken und zu verarbeiten. Und da wir in diesem Prozess stark mit unserer Innenwelt verbunden sind (bewusst oder unbewusst), können wir neue Kraft daraus schöpfen.

8,5 Computerspiele
Auch Computerspiele können Introvertierten Energie geben. Denn hier ist es ähnlich wie bei Büchern: Wir tauchen ein in eine andere Welt und können so den Stress abschalten. Da kommt es natürlich ganz auf das Spiel an. Finde eins, das dir wirklich Spaß macht und bei dem du die Zeit für eine Weile vergessen kannst. Es muss sich für dich gut anfühlen.

Übung: Deine persönlichen Energiegeber

Mach dir eine Liste mit den Dingen, die dir Energie geben. Bei einigen Sachen weißt du vielleicht schon intuitiv, dass sie gut für dich sind. Andere musst du vielleicht erst noch ausprobieren. Achte darauf, wie du dich davor und danach fühlst und entscheide dann, ob du die Aktivität zu deinen Energiegebern zählen kannst oder nicht.

Mit so einer Liste bist du bestens gewappnet für alle Situationen, bei denen du besonders viel deiner Energie investieren musst.

Meine 4 persönlichen Energie-Strategien

Als Nächstes kommen wir dazu, Strategien zu entwickeln, mit denen du dein Energielevel im Alltag weniger angreifbar machen kannst.
Ich stelle dir hier meine persönliche Liste von Strategien vor – das, was für mich gut funktioniert. Sie ist als Orientierung für dich gedacht und ich bin mir sicher, du kannst davon ausgehend auch deine eigenen Strategien ableiten.

An diese Punkte halte ich mich, wenn ich weiß, dass ich aus meiner Komfortzone herausgehen werde und ich so viel Energie wie möglich zur Verfügung haben will.

1. Aufgaben beenden

Unerledigte Arbeit lässt mich nicht los. Wenn ich das, woran ich gerade arbeite, nicht an dem Tag (oder dem Tag davor) beenden kann, muss ich zumindest einen Punkt erreichen, an dem ich das Gefühl habe, etwas geschafft zu haben. Vielleicht geht es dir auch oft so und du merkst, wie dir diese unbeendete Arbeit Energie entzieht.

Falls es nicht möglich ist, ein Projekt insoweit zu beenden, kannst du eine To-Do-Liste schreiben. Wenn du dir notierst, was du noch zu erledigen hast, muss sich dein Gehirn nicht mehr im Hintergrund damit beschäftigen. Du kannst also quasi einen Tab im Browser deines Gehirns schließen – was dir Energie einspart.

Tipp: Das funktioniert übrigens auch, wenn dich dein Gedankenkarussell am Einschlafen hindert. Schreibe alles auf, was dich gerade beschäftigt: Dinge, die du noch erledigen oder bedenken musst, Fragen, Ideen usw.
In den meisten Fällen schlafe ich dadurch viel schneller ein und schlafe auch qualitativ besser, sodass ich am nächsten Tag voller Energie durchstarten kann.

2. Einen Wenn-Dann-Plan erstellen

Introvertierte verbringen viel und gerne Zeit damit, nachzudenken. Dagegen ist erstmal nichts einzuwenden, ich liebe es auch, in meine Gedankenwelten abzutauchen – das versorgt mich sogar mit neuer Energie. Aber wir sollten uns bewusst machen, dass es auf der einen Seite Gedankengänge gibt, die uns Energie geben und auf der anderen Seite auch solche, die uns Energie nehmen. Zu Letzteren gehört zum Beispiel das unaufhörliche Grübeln darüber, was alles schief gehen könnte. Sehr wahrscheinlich machen wir uns dabei Sorgen über etwas, das niemals eintreten wird.
Natürlich bereiten wir uns durch dieses Grübeln aber auch auf den Worst Case vor. Und diesen Aspekt halte ich für sehr hilfreich, deshalb nutzen wir ihn in dieser Übung ganz bewusst.

Wenn etwas Wichtiges ansteht, frage dich: Was könnte mich am Erreichen meines Ziels hindern? Im nächsten Schritt erstellst du dir daraus einen Wenn-Dann-Plan.

Beispiel: Ich muss übermorgen auf der Arbeit eine Präsentation halten und Fragen von meinen Kollegen beantworten.
Worst Case: Es könnte jemand eine Frage stellen, auf die ich keine Antwort weiß.
Wenn-Dann-Plan: Wenn das passiert, dann sage ich: „Das ist eine sehr interessante Frage, in diese Richtung habe ich noch gar nicht gedacht. Ich mache mir nachher in Ruhe Gedanken dazu und melde mich dann noch mal per E-Mail bei dir.“

Zu wissen, was im Ernstfall zu tun ist, verleiht uns Sicherheit. Und wenn wir es einmal ausführlich durchdacht haben, muss unser Gehirn sich nicht mehr ständig mit dem Sorgenmachen belasten – und kann die Energie für andere Dinge nutzen.

3. Akku vorher aufladen

Meistens wissen wir schon vorher, wann solche kräftezehrenden Situationen auf uns zukommen und können vorausplanen. Das heißt, wir können uns im Vorfeld die Zeit für Aktivitäten nehmen, die uns Energie geben (oder vielleicht können wir Einiges davon auch für eine kurze Auszeit zwischendurch nutzen). So sind wir mit voll aufgeladenem Akku gut dafür gerüstet. Nimm dir hierfür deine persönliche Liste mit Energiegebern zur Hand.

4. Stimmungsmacher

Kennst du das, wenn im Radio ein Lied gespielt wird, das dich sofort an eine tolle Zeit, an eine bestimmte Person oder ein Erlebnis erinnert und dich damit in eine gute Stimmung versetzt? Solche emotionalen Trigger kannst du auch ganz bewusst für dich einsetzen, wenn du Energie brauchst.

Nimm dir eine besonders positive Erinnerung z.B. von einem Erlebnis oder einem Ort, an dem du dich sofort wohlfühlst, einen Song, der dir gute Laune macht oder die Vorstellung von einem Ziel, das du unbedingt erreichen willst. Ganz egal was, Hauptsache du verbindest es mit starken Emotionen.
Denke dir ein oder zwei Stichworte, einen kurzen, einprägsamen Satz oder ein Symbol dazu aus – etwas, das dich sofort an das positive Gefühl erinnert. Und schon hast du dein eigenes Mantra für deinen Energiekick zwischendurch.

Wenn dich dann das nächste Mal im Alltag etwas aus dem Gleichgewicht bringt, geh für einen Moment nach Innen und verknüpfe dich mit diesem Bild, mit dieser Vorstellung. Du wirst sofort merken, wie es dir neue Energie verleiht.

Übung: Deine eigenen Energie-Strategien

Vielleicht gefällt dir der eine oder andere Punkt auf meiner Liste, vielleicht hast du beim Lesen aber auch schon eigene Ideen bekommen. Mache dir deine eigene Liste mit den Energie-Strategien, die für dich persönlich am effektivsten sind.

So weißt du genau, wie du im Alltag – trotz Stress und vieler Menschen – dein Energielevel oben halten kannst 🙂

Literaturangaben:

Cain, Susan: Still: Die Kraft der Introvertierten. München: Wilhelm Goldmann Verlag, 2013

Löhken, Sylvia: Leise Menschen – starke Wirkung: Wie Sie Präsenz zeigen und Gehör finden, Piper Verlag, München/Berlin, 2. Aufl., 2016

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