Warum ist Selbstliebe eigentlich so schwierig?

Sich selbst lieben, das klingt doch im Grunde so leicht – ist es aber gar nicht. Oder?

Meiner Meinung nach kommt das ganz auf die Definition an. Selbstliebe ist nicht das ultimative Ziel, auf das wir hinarbeiten und es eines Tages endlich erreicht haben. Selbstliebe ist eine Lebensweise, kein Ziel. Sie kann sich in vielen kleinen Handlungen ausdrücken. Ergo können wir ganz einfach jeden Tag ein kleines bisschen mehr Selbstliebe in unser Leben bringen.

Allein diese Sichtweise kann dem ganzen Thema schon eine ganze Menge Druck nehmen.

Und trotzdem stoßen wir gerade am Anfang schnell auf ein paar Hindernisse. Wir wollen liebevoller mit uns selbst umgehen, aber realisieren gar nicht, dass bestimmte Gewohnheiten echte Selbstliebe Killer sind.

Die größten Hürden auf dem Weg der Selbstliebe

Wie ist es bei dir – kommen dir diese hier bekannt vor?

1. Du willst alles unter Kontrolle haben

Ertappst du dich auch manchmal bei dem Wunsch, beeinflussen zu können, was andere Menschen denken, sagen oder tun? Das Leben wäre dann so viel einfacher, oder?

Glaub mir, du bist damit nicht allein. Viele introvertierte Menschen wollen immer alles unter Kontrolle haben – das gibt uns Sicherheit und verhindert, dass wir uns durch unvorhergesehene Situationen überreizt fühlen.

Das Problem dabei ist nur: Es gibt da ein paar Dinge im Leben, die lassen sich einfach nicht kontrollieren. So sehr wir es uns auch wünschen. Dazu zählen äußere Umstände und die Gedanken, Worte und Handlungen anderer Menschen.

Was liegt dagegen wirklich in unserer Hand? Das, was wir selbst denken, sagen und tun. Diese drei Dinge, mehr nicht. Man sollte meinen, dass es eigentlich ziemlich einfach ist, sich nur darauf zu fokussieren. Doch im Alltag verschwimmen die Grenzen ziemlich schnell.

Da ist die Freundin, die beleidigt reagiert, wenn wir ihr sagen, dass wir dieses Mal nicht mit auf die Party kommen, weil wir Zeit für uns brauchen. Oder wir machen uns endlos Gedanken darüber, wie wir andere Menschen dazu bringen könnten, uns zu mögen. Beides liegt aber nicht in unserer direkten Verantwortung.

Ist es nicht wichtiger, uns so zu verhalten, dass wir uns selbst mögen? Dass unser Verhalten unseren Werten entspricht? Wenn andere diese Seite an uns dann toll finden, können wir doch wenigstens sicher sein, dass diese Menschen wirklich zu uns passen. Wenn nicht, ist das zwar schade, aber dann wissen wir wenigstens, woran wir sind.

Es verursacht unnötigen Stress, wenn wir versuchen, Dinge zu beeinflussen, die gar nicht in unserer Hand liegen. Deshalb kann es ein großer Akt der Selbstliebe sein, diese Dinge loszulassen.

Selbstliebe Tipp Nr. 1:

Gib dir selbst die Erlaubnis, entspannter mit Dingen umzugehen, die du sowieso nicht kontrollieren kannst. Dann bist du in Sachen sich selbst lieben lernen schon einen großen Schritt vorangekommen.

2. Du verurteilst dich selbst (und tarnst es als Selbstoptimierung)

Jetzt mal Butter bei die Fische: Wofür verurteilst du dich? Ist es der Schokokuchen, den du vielleicht lieber nicht hättest essen sollen? Ist es der Abend, den du lieber auf dem Sofa verbracht hast, statt zum Sport zu gehen? Oder dass du dich in der Diskussion wieder nicht getraut hast, deine Meinung zu sagen?

Hast du eine innerliche Liste von all deinen „Schandtaten“, aber deine Erfolge spielst du dagegen oft herunter? Solche Gedankenspiele sind für schüchterne und introvertierte Menschen ein großes Hindernis, wenn es um Selbstliebe geht.

Oft sind wir mit uns selbst besonders kritisch, ja sogar verurteilend und verletzend – und wir rechtfertigen es damit, dass wir uns selbst verbessern wollen.

 „Dich selbst zu hassen, macht dich nicht glücklicher. Dich selbst zu verurteilen, macht dich nicht schlanker. Dich selbst zu demütigen, gibt dir nicht mehr Selbstwertgefühl. Echte Veränderung beginnt mit Selbstliebe und Selbstfürsorge.“ (Jessica Ortner)

Natürlich gehört es auch zur Selbstliebe dazu, gut für sich selbst zu sorgen – und das bedeutet auch, sich eher gegen kurzfristigen Genuss und für langfristige Gesundheit zu entscheiden. Oder mal aus der Komfortzone zu gehen, weil man weiß, dass man daran wächst.

Aber heißt Selbstliebe dann, dass ich mir nie etwas gönnen darf? Dass ich immer 100% geben muss? Hat das nicht schon wieder eher etwas mit Verurteilung und Perfektionismus zu tun?

Und schon haben wir ein gedankliches Dilemma: Welche der beiden Einstellungen ist denn nun die richtige?

Die Lösung: Es kommt auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen beiden an. Es bringt uns auf lange Sicht nicht voran, immer nur durchzupowern – genauso wenig wie es uns voranbringt, immer nur die angenehmen Dinge zu tun.

Beides ist wichtig und dann vor allem auch: die bewusste Entscheidung dafür.

Du möchtest dir heute mal einen leckeren Eisbecher gönnen? Gut, dann steh zu deiner Entscheidung und genieße das Eis (statt dir hinterher oder gar schon während des Essens Vorwürfe wegen der Kalorien zu machen). Morgen kannst du bewusst eine neue Entscheidung treffen.

Du brauchst heute Zeit für dich, statt mit Kollegen zu einer Veranstaltung zu gehen? Alles klar, dann steh ganz bewusst zu deiner Entscheidung und genieße den Abend (statt dir einzureden, dass du eigentlich deine Kontakte pflegen müsstest). Denn du weißt ja: Beim nächsten Mal kannst du dich wieder neu entscheiden.

Selbstliebe Tipp Nr. 2:

Gehe liebevoll mit dir selbst um, achte auf ein für dich passendes Verhältnis zwischen Selbstoptimierung und Selbstfürsorge und steh zu deinen Entscheidungen (statt dich für Ausnahmen zu verurteilen).

3. Du machst selten etwas nur aus Spaß

Apropos Selbstfürsorge: Wie oft machst du eigentlich etwas, einfach nur weil es dir Spaß macht?

Viele ruhige Menschen sind sehr analytisch veranlagt und suchen immer den Sinn hinter einer Aktivität. Wenn sie etwas „nur zum Spaß“ machen sollen, ist ihnen das oft nicht Grund genug.

Ich habe es selbst viele Jahre außer Acht gelassen, mir auch mal Zeit für Dinge zu nehmen, die mir einfach nur Spaß machen – aber sonst nichts „bringen“.

Für mich war das Malen als Kind das einzige, was mich wirklich entspannt hat. Ich habe alles aufs Papier (oder Leinwand) gebracht, was mich irgendwie beschäftigt hat und damit unbewusst auch meine Gedanken und Gefühle verarbeitet.

Als ich angefangen habe, Design zu studieren, musste ich meine Motive an die jeweiligen Aufgaben der Dozenten anpassen. Und weil ich für das Studium schon so viel gemalt, gezeichnet und gestaltet habe, arbeitete ich auch in meiner Freizeit einfach daran weiter. Das machte für mich mehr Sinn, schließlich wurden die Projekte benotet und ich konnte dadurch meine Fähigkeiten verbessern. Das würde mir später im Beruf nützlich sein. Nach dem Studium ging das auf beruflicher Ebene genau so weiter: Jedes meiner kreativen Projekte hatte einen (hohen!) Leistungsanspruch. Es musste perfekt sein, immerhin sollte es dem Kunden gefallen und Geld einbringen.

Jahre später habe ich dann festgestellt, wie sehr es mir eigentlich fehlte, auch mal ohne Druck kreativ sein zu können. Ein Bild zu malen oder zu zeichnen, ohne bestimmtes Ziel. Einen Text zu schreiben, einfach nur, weil ich meine Gedanken und Gefühle damit ausdrücken möchte.

Mittlerweile weiß ich, dass selbst diese so unnötig erscheinenden Prozesse unglaublich wichtig sind. Einerseits, weil sie mir Energie geben und andererseits, weil ich dadurch mit meiner Innenwelt in Kontakt komme.

Es macht mir Spaß, ich entspanne mich und ich verarbeite ganz nebenbei das, was mich gerade beschäftigt. Ganz klarer Fall: Das in meinen Alltag zu bringen, drückt für mich Selbstliebe aus.

Was ist das für dich? Was machst du besonders gerne – auch wenn es für andere vielleicht nicht viel Sinn macht, dem nachzugehen?

Selbstliebe Tipp Nr. 3:

(Auch) wenn du große Ziele hast: Für ein erfüllendes Leben ist es wichtig, auch auf dem Weg dorthin Spaß zu haben – nicht erst, wenn du dort angekommen bist. Also nimm dir immer wieder ganz bewusst kleine Auszeiten für Spiel und Spaß im Alltag.

P.S. Hast du Lust auf eine konkrete Selbstliebe Übung? Mein Favorit ist die Liebesbrief-Übung. Dabei geht es darum, zur Abwechslung mal dir selbst, statt jemand anderem einen Liebesbrief zu schreiben. Du betrachtest dich aus der rosaroten Brille heraus und überlegst dir, warum du besonders liebenswert bist.

Als ich diese Übung gemacht habe, musste ich feststellen, dass mein Liebesbrief sich nicht nur an mich, sondern im Grunde an alle ruhigen Menschen richtet. Deshalb habe ich ihn als Inspiration auf meinem Blog geteilt (du kannst ihn hier lesen).

Schreib mir gerne einen Kommentar: Wo konntest du dich wiederfinden? Was ist dein größtes Problem in Sachen Selbstliebe? Ich bin gespannt, von dir zu hören!