Du hörst lieber zu, als selbst zu reden? Im kleinen Kreis fühlst du dich deutlich wohler als unter vielen Menschen? Du brauchst immer mal wieder Zeit für dich, um deine Akkus wieder aufzuladen? Du strahlst eher Ruhe und Besonnenheit aus als laut, schnell und enthusiastisch zu agieren?

Großartig, dann bist du sehr wahrscheinlich introvertiert! Und damit bist du nicht allein, denn schätzungsweise besitzen ein Drittel, wenn nicht sogar die Hälfte der Weltbevölkerung dieses Persönlichkeitsmerkmal.

1. Wir haben alle sowohl introvertierte als auch extrovertierte Anteile

Introversion und Extraversion können wir uns als zwei äußerste Punkte einer Skala vorstellen. Auf der einen Seite liegt die Introversion, auf der anderen Seite die Extraversion. Die meisten Menschen können sich irgendwo in der Mitte einordnen, mit einer natürlichen Tendenz entweder zur einen oder der anderen Seite (Löhken, 2016).
Komplett auf eine Seite festgelegt sind wir deshalb aber nicht! Wir können uns frei auf dieser Skala bewegen. Je nach Situation, kann sich jeder von uns mal introvertiert und mal extrovertiert verhalten. C.G. Jung, der Psychiater, der die Begriffe Introversion und Extraversion geprägt hat, sprach sogar davon, dass wir mal „introvertieren“ und mal „extrovertieren“.

Auch wenn wir ganz flexibel die Seiten wechseln können, haben wir dennoch eine natürliche Präferenz für die eine oder die andere Seite. Deshalb sprechen wir davon, entweder introvertiert oder extrovertiert zu sein. Was am ehesten auf uns zutrifft, hängt davon ab, auf welcher Seite wir uns am wohlsten fühlen.

2. Wie Introvertierte und Extrovertierte Energie gewinnen

Und genau da liegt einer der größten Unterschiede zwischen Introvertierten und Extrovertierten: Introvertierte schöpfen Kraft und Motivation aus sich selbst heraus, indem sie Zeit für sich allein verbringen, ein Buch lesen, Musik hören oder spazieren gehen. Extrovertierte Menschen dagegen brauchen Reize von außen wie z.B. viele Menschen um sich herum und der soziale Austausch mit ihnen, ein hoher Geräuschpegel oder aufregende Erlebnisse, um Energie zu gewinnen.

Was Introvertierten Energie gibt, entzieht Extrovertierten ihre Energie und umgekehrt.

3. Wie Introvertierte und Extrovertierte Reize verarbeiten

Wusstest du, dass Introvertierte eine höhere elektrische Aktivität im Gehirn (genauer gesagt: im frontalen Kortex) haben? Dieser Bereich ist für innere Vorgänge zuständig: für das Lernen, Erinnern, Entscheiden und Problemlösen (Roming, 2011).
Das bedeutet, dass Introvertierte viel mehr Energie aufwenden müssen, um Eindrücke zu verarbeiten. So sind sie im Gegensatz zu Extrovertierten von vielen äußeren Eindrücken schneller überreizt und brauchen dann zeitnah wieder eine Ruhephase.

Die von außen aufgenommen Reize legen bei Introvertierten einen längeren Weg auf den Nervenbahnen zurück, als bei Extrovertierten. Dadurch brauchen Introvertierte oft einfach etwas länger, um zu reagieren (Löhken, 2016). Bei Extrovertierten sind die Wege kürzer und dadurch können sie schneller reagieren.
Es ist also ganz normal, dass Introvertierte mehr Zeit brauchen, um nachzudenken und ihre Gedanken zu strukturieren, bevor sie etwas sagen.

4. Was Introvertierte und Extrovertierte motiviert und antreibt

Auch in Sachen Motivation gibt es große Unterschiede. Susan Cain (2013) beschreibt Introvertierte als sicherheitsorientiert und Extrovertierte als belohnungsorientiert.
So sind für Extrovertierte die äußeren Anreize besonders attraktiv. Introvertierte sprechen darauf weniger an. Sie wollen Risiken und Konflikte wegen ihres starken Sicherheitsbedürfnisses am liebsten ganz ausschließen können. Deshalb denken sie auch immer erst gründlich nach, bevor sie etwas sagen oder tun.
Extrovertierte gehen dagegen eher Risiken ein, wenn die Aussicht auf Erfolg besteht. Dabei nehmen sie auch Konflikte oder undurchdachte Aktionen nehmen in Kauf.

Gerade wenn wir uns also mal aus unserer Komfortzone herauswagen, sollten wir Introvertierten also an unser Sicherheitsbedürfnis denken. Wir müssen nicht wie Extrovertierte direkt mit Anlauf ins kalte Wasser springen. Nein, wir dürfen uns selbst die Erlaubnis geben, Schritt für Schritt ins Wasser zu gehen, in unserem eigenen Tempo. Dann erreichen wir auch viel eher, was wir uns vorgenommen haben.

5. Schüchternheit ist nicht typisch introvertiert

Schüchternheit beruht meist auf schlechten Erfahrungen (Wehrle, 2017) und kann deshalb nicht nur Introvertierte, sondern genauso auch Extrovertierte treffen.
Introvertierte und schüchterne Menschen verhalten sich zwar manchmal ähnlich (weil sie sich zurückziehen), aber aus vollkommen anderen Gründen:

Wer schüchtern ist, hat meistens Angst davor, von anderen Menschen verurteilt oder abgelehnt zu werden. Ein schüchterner Mensch wünscht sich mehr Kontakt zu anderen, wird aber von seiner Angst daran gehindert.

Introvertierte Menschen dagegen genießen es, Zeit für sich allein oder in ruhiger Umgebung zu haben. Wenn sie mit anderen Menschen sprechen wollen, stellt das kein Problem für sie dar. Sie mögen den Kontakt zu anderen Menschen durchaus – nur eben in geringerer Dosis als Extrovertierte.

Fazit:
Schüchternheit ist ein Verhalten, das uns im Umgang mit anderen Menschen blockieren kann. Wir haben uns dieses Verhalten durch schlechte Erfahrungen antrainiert. Die gute Nachricht: Wir können es uns genauso auch wieder abtrainieren.
Introversion ist eine vollkommen gesunde Persönlichkeitseigenschaft. Und zwar eine, die uns mit vielen Stärken ausstattet.

Ob introvertiert oder extrovertiert – beides ist gut

Keine dieser beiden Seiten ist besser oder schlechter. Ja, Extrovertierte scheinen es in unserer westlichen Gesellschaft oft leichter zu haben (denn wer laut und schnell ist, zieht natürlich mehr Aufmerksamkeit auf sich), aber letztendlich ist das nur eine Frage unseres Fokus‘. Egal ob wir eher zur Extraversion oder zur Introversion tendieren, jede Seite hat ihre Stärken und Schwächen.

Die Kunst liegt darin, die eigenen Stärken und Bedürfnisse zu kennen und sie bestmöglich auszuleben.

Literaturangaben

Cain, Susan: Still: Die Kraft der Introvertierten. München: Wilhelm Goldmann Verlag, 2013

Löhken, Sylvia: Leise Menschen – starke Wirkung: Wie Sie Präsenz zeigen und Gehör finden. Piper Verlag, München/Berlin, 2. Aufl., 2016

Roming, Anna: Die Stillen im Lande. In: Psychologie Heute, 38. Jahrgang, Heft 1, Januar 2011, S.20-27

Wehrle, Martin: Der Klügere denkt nach: Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein – Mit Anti-Schwätzer-Training. München: Wilhelm Goldmann Verlag, 2017

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